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Predigten

 200926kopf

Gehalten beim gemeinsamen Gottesdienst in der Wittenberger Stadtkirche

Predigt: Schäm‘ dich nicht!

1. Nackte Füße und Scham

Daniel, ich komm immer noch nicht drüber hinweg, dass du einfach deine Schuhe im Gottesdienst ausgezogen hast. 

Hast du dich nicht geschämt? 

Daniel: „Nö.“

Ich glaub, ich hätte mich geschämt. Schon allein wegen der Geruchsbelastung.

Da hab‘ ich mir kurz diese Luftreiniger aus Coronazeiten zurückgewünscht…

Ich hätte mich das nicht getraut. Mich mit nackten Füßen hier vor Sie alle zu stellen.

Mir sieht man Scham auch sofort an:

Meinen Wangen werden ganz warm.

Sie hat die Farbe Kirschrot auf meinen Wangen. Die Scham.

Sie hat den Geruch von kaltem Angstschweiß.

Sie fühlt sich klamm und hässlich an.

Das Gefühl engt mich ein und lässt mich kleiner werden und kleiner.

Manchmal schäm ich mich dafür, dass ich Christin bin. Dass ich in die Kirche gehe.

Was denken die wohl über mich? 

Nehmen sie mich noch ernst, wenn ich mich oute als eine, die noch an den lieben Gott glaubt?

Das geb‘ ich echt nicht gerne zu. Dass ich mich manchmal dafür schäme…

Daniel: „Schäm‘ dich nicht!“

2. Beispiel Beate

Beate schämt sich vor gar nichts. Zumindest nicht in der Kirche. 

Hier traut sie sich laut zu sagen, was sie denkt: 

Die Kirche sollte endlich… 

Wir Christen haben doch die gute Botschaft von der Liebe Gottes und von Frieden und… 

Lasst uns doch als Frauenkreis mal wieder eine Aktion starten…besser als allein…

Mal wieder auf die Straße gehen, wie damals… Da müssten doch noch die alten Transpis im Keller liegen…

Im Kreis der anderen fühlt sie sich stark. Da ist sie mutig.

Bei ihrer Arbeit in der Verwaltung vom Pflegeheim ist das anders.

Die vom Pflegepersonal schauen sie schief an, wenn sie auf dem Weg zur Morgenandacht ist. 

Die haben wohl nichts zu tun, die Leute an ihren Schreibtischen.

Sie zieht den Kopf ein. Dreht sich weg. 

Hoffentlich sieht niemand, wie sie rot wird. – 

Zur Morgenandacht geht sie jetzt nur noch selten.

Eigentlich schämt sie sich nicht für ihren Glauben, aber…

Daniel: „Schäm‘ dich nicht!“

3. 2 Tim 1,7-10 (LU17)

Paulus schreibt an Timotheus:

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 

10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Daniel: „Schäm‘ dich nicht!“

4. Der Geist der Furcht

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 

Aber warum spür ich den Geist der Furcht dann so sehr?

Ich würde das Grübeln ja gerne abstellen! 

Mir nicht immer über alles Sorgen machen!

Aber es gibt eine Menge, was mir Angst macht.

Und ich hab auch guten Grund, mich zu fürchten!

Ich habe Angst davor, wie viel Misstrauen gerade zwischen den Menschen in unserem Land herrscht. 

Was wird aus unserer Gesellschaft? Wird sie immer mehr zersplittern? Kann unsere Demokratie dem standhalten?

Heute sind Wahlen im Land Berlin. Ich habe Angst vor dem Ergebnis. 

Ähnlich ging es wahrscheinlich vielen Menschen hier in Sachsen-Anhalt vor 2 Wochen.

Ich habe Angst, als bekennende Christin verspottet oder angegriffen zu werden.

Ich habe Angst, dass ich in Zukunft wieder Angst haben muss, eine Frau zu sein.

Und ich schäme mich!

Ich schäme mich dafür, wie Menschen andere Menschen ausgrenzen und wie sie miteinander reden. Oder eher gegeneinander.

Ich schäme mich dafür, wenn unsere Kirche verstummt. Wenn ich verstumme.

Und ich schäme mich für Dinge, für die ich mich nun wirklich nicht schämen sollte!

Ich schäme mich manchmal für mein Aussehen, für meine Kleidung.

Ich schäme mich dafür, dass ich zu vorlaut bin.

Und am meisten schäme ich mich dafür, mich genau dafür zu schämen.

Wenn ich mich schäme, entspreche ich nicht dem, was andere von mir wollen. Was sich „so gehört.“

Ich werde stumm und lasse andere über mich bestimmen.

Wenn ich mich schäme, bin ich nicht mehr frei. – 

Es gehört schon sehr viel dazu, um den Beschämungskräften von außen und in mir drinnen nicht nachzugeben.

Daniel: „Schämt euch nicht!“

5. Der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit 

Timotheus scheint sich genauso geschämt und gefürchtet zu haben.

Paulus sagt ihm: Schäm dich nicht! Gott hat dir nicht den Geist der Furcht gegeben. 

Sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Timotheus soll – ganz unverschämt – zwei Menschen treu bleiben, die nach römischem Recht als Verbrecher verurteilt wurden: 

Er soll sich zu Jesus bekennen, der wie ein Schandmahl öffentlich hingerichtet wird. Verletzt und nackt zur Schau gestellt.

Und Paulus, der wegen diesem im Gefängnis sitzt und leidet. 

Beide entsprechen alles andere als dem damals (und heute) angesehenen Männerbild: Stark, gesund, ehrenvoll.

Paulus fordert Timotheus auf: Leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes!

Der, der Mitleiden fordert, leidet selbst. Er weiß, wie viel Ausdauer es kostet.

Aber er glaubt, er kann das durchstehen, wenn der andere ihn mitträgt.

Beide sind nicht allein mit ihrem Glauben. 

Und mit der Aufgabe, die gute Botschaft weiterzusagen.

Der eine vertraut ganz auf Gott, dass er sie beide unwiderruflich gerettet hat.

Dass er alles an Befähigung von Gott bekommen hat, was er braucht.

In dieser Gewissheit vertraut er auch dem anderen.

Er traut ihm zu, dass sich mit ihm etwas ändern kann.

Denn die Kraft dafür kommt nicht aus ihnen selbst. 

Gott gibt den Geist der Kraft.

Er wirkt wie ein Kraftfeld, über Menschen und Generationen hinweg.

Es ist ein Geist, der nicht von ängstlichem Misstrauen geprägt ist.

In diesem Geist werden Menschen nicht beschämt.

Denn es ist der Geist der Liebe.

In diesem Geist spiegelt sich Gottes Liebe zu allen Menschen wider. 

Unsere Rettung hat Gott schon längst beschlossen. 

Unabhängig von dem, was wir tun. 

Weil Gott gnädig mit uns ist.

Und das zeigt Gott uns nicht in einem starken Helden.

Gott zeigt sich uns in einem hilflos Leidenden, von der Welt verstoßen.

Gott selbst nimmt den Tod auf sich. Lässt sich vor allen beschämen.

Damit die Botschaft von der Auferstehung umso mehr einschlägt.

Dem Tod ist die Macht genommen.

Gott hat uns berufen, diese Botschaft weiterzusagen.

Mich hat er berufen. 

Aber manchmal schäm ich mich halt. Und so vieles macht mir Angst.

Da brauche ich öfter mal jemanden, der mich an den Geist der Besonnenheit erinnert.

Dieser Geist beschämt mich nicht. 

Er ermutigt mich und befähigt mich mit allem, was ich brauche.

Gott hält mir den Rücken frei.

Wenn ich mich fürchte und schäme und kleiner und kleiner werde, richtet Gott mich wieder auf.

Der Geist der Besonnenheit bewahrt mich davor, dass Angst mein Handeln bestimmt.

Er erinnert mich daran: Meine und deine Welt können aus den Fugen geraten, aber sie wird gehalten. Das Leben wird siegen. Leben, das nicht aufhört.

Das steht fest. Das ist nicht abhängig von mir oder dir.

Aber manchmal brauch ich dich, um die Botschaft wieder ans Licht zu bringen und die dunklen Geister der Sorge und Furcht in meinem Kopf zu vertreiben.

Und manchmal brauchst du vielleicht mich.

Daniel: „Schäm‘ dich nicht!“

6. Noch einmal nackte Füße

Ich sitze mit Beate am Tisch. Sie sagt: „Weißt du, was die Losung für den Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen war: 

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ –  Ausgerechnet an diesem Tag. Was ein Mutmachsatz! 

Ja, das Evangelium eckt an in unserer Welt.

Aber es legt gerade deshalb die Power frei, die diese Welt verändern kann.

Beate ist einen Moment still. 

Sie sagt zu mir: Ich glaub, ich geh Montag auf Arbeit mal wieder zur Morgenandacht. 

Ich trau mich einfach. Ich hab‘ ja den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und damit bin ich ja nicht allein.

Ich denke, wenn Beate sich traut, dann trau ich mich auch. 

Dann zieh ich mir jetzt auch die Schuhe aus. 

(Zeichenhandlung: Schuhe ausziehen)

Schämt sie sich nicht? 

Predigt auf dieser ehrwürdigen Kanzel über nackte Füße und hat noch nicht wenigstens ein Martin-Luther-Zitat gebracht?

„Ich stehe hier und kann nicht anders.“ (Schuhe auf die Kanzel stellen)

Daniel: „Ich schäme mich nicht.“

Amen.