
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.
Universitätsgottesdienst Lutherstadt Wittenberg 2026 – Mt 6,9-13: Kommendes Reich
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11Unser tägliches Brot gib uns heute.
12Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern, liebe Brüder,
weil uns das Gebet Jesu in die jüdische Gebetspraxis hinein nimmt, eine Anekdote dazu: Ein amerikanischer Reporter fliegt nach Israel, um einen Juden zu interviewen, der seit 60 Jahren jeden Tag an der Klagemauer in Jerusalem betet. Als er den Mann schließlich trifft, fragt er ihn, wie es sich anfühlt, seit so vielen Jahrzehnten täglich an der Klagemauer zu beten, woraufhin der Jude antwortet: »Wie es sich anfühlt? Als würde ich gegen eine Wand reden!«
Ich glaube, die trockene Antwort des jüdischen Beters entspricht einer tiefen Realität von Gebetspraxis.
Mit dem Vater Unser, bedenken wir das Gebet, das zur direkten Jesus-Überlieferung gehört: Die Bergpredigt ist das Zentrum der Botschaft Jesu und das Vaterunser wiederum ist das Zentrum der Bergpredigt. Ein Edelstein der Jesus-Überlieferung. Überall auf der Welt wird es gebetet. Worte, die in ca. 1.500 Sprachen, manche sagen 7.000 Sprachen, wenn man alle Stammessprachen und Dialekte hinzunimmt, übersetzt worden sind. Missionare lernten auf der ganzen Welt die Sprache der Völker und Stämme und übersetzten als erstes das Vater Unser. Rund um den Erdball wird es in jeder Minute gebetet. In jedem Gottesdienst, bei Beerdigungen, Taufen, Trauungen, im stillen Gebet, in tiefster Not-Nacht.
Und was bewirkt es? Ist das Reich gekommen? Sprechen wir auch gegen eine Wand, wenn wir das Vater Unser beten? Warum wiederholen wir es unaufhörlich, als Christen seit 2000 Jahren?
Und noch ein Witz aus der jüdischen Gebetspraxis: Jossl bittet Gott um einen Lottogewinn. Jede Woche immer vor der Lotto Ziehung vertieft er sich ins Gebet und liegt Gott in den Ohren: Adonai, schenke mir einen Lottogewinn. Lass mich gewinnen, einmal nur. Das geht so über Monate und Jahre. Eines Tages, als Jossl wieder sein Gebet anhob, öffnete sich der Himmel und eine laute Stimme sprach zu ihm: “Jossl, kauf dir einmal ein Los!”
Das Vaterunser hat eine andere Qualität. Wir liegen damit Gott nicht in den Ohren. Wir versuchen ihn nicht auf allerlei Weise, zu diesem oder jenem zu bewegen, was uns gerade wichtig zu sein scheint. Wir erklären ihm nicht seine Welt und zählen ihm nicht auf, was er aus unserer Sicht nun endlich zum Besseren zu wenden hätte. Wäre das vielleicht das Plappern, das Jesus abgelehnt hat und hat er uns deshalb zum Beten ins stille Kämmerlein geschickt?
Das Vater Unser ist ein Konzentrat und nimmt uns in eine andere Qualität hinein. Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, keines ist verzichtbar.
Die Theologin Johanna Haberer sieht im Vater Unser vier Fragen oder Dimensionen angesprochen, die uns grundlegend orientieren:
die Frage nach Gott, die Frage der Macht, die Dimensionen der Gerechtigkeit und der Schuld.
Ich will dem nachgehen.
Die Frage nach Gott
Wenn wir die Worte des Jesu sprechen, sind wir hinein genommen in die jüdische Gebets-Tradition mit einem ganz zentralen Unterschied: wir wenden uns mit Jesus an den Vater, im aramäischen sogar Abba- der Papa – an einen zugewandten nahbaren Gott.
Im Unterschied zur jüdischen Überlieferung, in der der Name Gottes unaussprechlich ist und Gott so groß, dass Menschen ihn mit keinem Namen fassen können. Mose fragt am Dornbusch: wie ist dein Name. Die Antwort: „Ich werde sein, der ich sein werde.“
In dieser Tradition steht natürlich auch Jesus. Und eröffnet das Gebet mit „Unser Vater“ oder aramäisch sogar mit “Abba”. Jesus nimmt uns damit in seine Gotteskindschaft hinein. Er sagt „Unser Vater“, nicht „Mein Vater“. Alle, die das Vater Unser sprechen, werden darin zu Geschwistern und vor Gott werden alle Hierarchien zwischen uns absolut eingeebnet. Er ist unser Vater- wir sind seine Kinder.
Wir sprechen über das kommende Reich. Das wäre schon einmal ein Aspekt: Gemeinschaft in hierachiebefreiter Zone.
Zur Frage nach der Macht
„Dein Name werde geheiligt.“ Wenn wir wollen, dass Gottes Name geheiligt sei - wird die Frage gestellt, inwiefern wir uns den Gesetzen und Prinzipien Gottes unterwerfen, uns ihnen verpflichtet fühlen. Gottes Prinzip ist Frieden, Recht und Gerechtigkeit. Wenn ich seinen Namen heilige, dann verbieten sich Verhaltensweisen, die dem entgegenstehen. In den 10 Geboten und den Ausführungsbestimmungen ist alles gesagt: Es verbietet sich, zu lügen, Steuern zu hinterziehen, zu betrügen, korrupt zu sein, Menschen zu demütigen, zu missbrauchen, zu verletzen, zu töten, zu schädigen. Den Namen Gottes zu heiligen, hat eine ethische Konsequenz: Ich unterstelle mich Gottes Macht-Prinzip und seinem Anspruch auf mich. Luther sagt im kleinen Katechismus: „Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig [er braucht unsere Bestätigung nicht], sondern wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde.“
Wir heiligen seinen Namen und gehören damit selbst auch zum Heiligen undbitten darum, dass dies unser Leben einfärben möge.
„Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“. Die Frage nach der Macht treibt in unserem Land aktuell fast alle um. Wer Gottes Namen heiligt, folgt dem Weg von Frieden, Recht und Gerechtigkeit.
Wer einkalkuliert, dass es etwas Größeres gibt, als er selbst, stellt sich unter diesen Anspruch und schränkt damit seinen eigenen Wahrheitsanspruch ein. Er hält für möglich, dass der andere auch zumindest ein bisschen Recht haben könnte.
Unser Staat ist darauf angewiesen, dass Freiheit, Toleranz und Empathie gelebt werden- er kann es nicht machen. Er lebt [– mit dem sog. Böckenförde- Diktum(1)]- von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Es braucht Resonanzräume für vielstimmige Debatten: Kirchen und Gemeinden können das auch sein, weil wir uns gehalten wissen und weil wir lernen können, auszuhalten, dass der andere die Dinge anders sieht und ich damit nicht einverstanden sein muss. Dennoch werden wir gemeinsam das Vater Unser beten können.
Recht und Gerechtigkeit gibt es im Miteinander, im Verständnis und im Zuhören. Es gibt Gerechtigkeit nicht gegen „andere und vielleicht Fremde“. Politische Programme, die polarisieren und darauf abzielen, Leute gegeneinander aufzuwiegeln, die Freiheitsrechte von Minderheiten einzuschränken, sind mit dieser Machtfrage nicht vereinbar.
So wie der Staat die Voraussetzungen aus der Gesellschaft braucht, aus den Gemeinden und Kirchen und anderen Institutionen… um demokratisch zu agieren, brauchen wiederum alle Institutionen, und auch die Kirche, den staatlichen Schutz der Freiheit, in der sie diese Grundlagen legen können für Verantwortlichkeit und für die Wahrung der unverlierbaren Würde des einzelnen.
Das steht auf dem Spiel, darum wird gerungen. Dass der Staat sich beschränkt und die Kräfte austariert werden.
Wenn wir im Vater unser sagen: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden, dann steht die Frage, wohin die Bergpredigt mit dem Vater Unser gehört: hat sie ethische Konsequenzen, ist sie ein Leitfaden für politisches Denken? Sofern politisch meint, dass es um das Gemeinwesen geht, ist die Bergpredigt natürlich eine sehr gute Orientierung. Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz meinte inmitten der zerstörten Welt 1945, die Bergpredigt ist die einzige Vision, die uns aus den Trümmern herausholt. Sie ist ein starker Anker.
Und letzter Gedanke zur Machtfrage: Martin Luther sagt im kleinen Katechismus zur zweiten Bitte des Vaterunser: “Dein Reich komme. Was ist das? Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst...” und so auch Luther bei „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden: „Gottes guter und gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet“ – da ist er wieder der Gedanke: das Geschehen hängt nicht von mir ab, vielleicht rede ich zu einer Wand und|oder es macht nichts, wenn ich nur zur Wand rede. Vielleicht, aber ich rede.
Es liegt alles bei Gott, aber im Beten wende ich mich diesem Aspekt zu: Dein Reich komme! Kein tausendjähriges, keine Zerstörungs- oder Allmachts- und Herrschaftsphantasien. Gottes Reich. Dein Wille geschehe- auch bei uns.
Zur Frage der Gerechtigkeit
„Unser tägliches Brot gib uns heute“- es geht darum, dass wir haben, was wir zum Leben brauchen: das tägliche Brot und daraus ergibt sich, was wir nicht brauchen: Nicht den täglichen Braten, nicht den Überfluss. Und für Brot bitten wir im Plural für uns- als Gemeinschaft, für dich und mich um das Lebensnotwendige: Brot und Wasser- in dieser Hitzeperiode spüren wir sehr deutlich, dass das nicht selbstverständlich ist. Und wieder Luther: „Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitten allen bösen Menschen“.
Zur Frage der Schuld
„Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ diese Bitte zielt sehr genau in unsere vergiftete und verschuldete Gesellschaft. Ich habe Schwierigkeiten mit einer allgemeinen Sündenvergebung, die auch in unseren Gottesdiensten zuweilen ausgesprochen wird, in die umstandslos alle und alles inkludiert wird.
Wir haben doch erlebt, dass Verantwortungsträger auch aus der DDR ihre Schuld sei es am Tod anderer oder an eklatantem Unrecht nicht erkannten und schon gar nicht bereuten. Vergebung? Die muss sich zwischen den Beteiligten frei ereignen und kann ein sehr weiter Weg sein.
Die Vergebung von Schuld - wie sie im Vater Unser angesprochen wird, betrifft eine andere Ebene: die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Und es ist gemeint: schau, ob Du es schaffst, Deine Angelegenheiten zu bereinigen. Lasst uns aus dem Empörungskarussell aussteigen. Nicht gemeint ist: ein moralischer Druck auf Menschen, denen Unrecht geschehen ist, darüber zu schweigen und vergeben zu müssen. Dies ist inzwischen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche und in der Frage von machtsensiblen Gottesdiensten gut bedacht worden: vergebung ist mit Freiheit verbunden.
Und sprechen wir nicht das Vater Unser auch auf die sechste und siebente Bitte zu: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel oder dem Bösen“ – wir leben im Risiko, das Übel wird anerkannt, es ist in uns und um uns her. Wir könnten davon überwältigt werden. – Es ist die Bitte darum, dass unser Leben hier gut ausgehen möge und uns, wie Luther sagt, ein seliges Ende beschert würde.
Ist es richtig zu sagen: Gottes Reich kommt? Wir leben in der Hoffnung darauf, mit Sorgen und in Bedrängnis. Und- große Freude- unser Gebet endet in der Gegenwartsform: „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Mit Jesus ist es angebrochen, wir spüren die Kraft, wir reden mit Gott als Vater und als Geschwister, manchmal gegen die Wand und immer in orientierter Erwartung.
Am Ende: Zukünfte zu beschreiben ist den Künstlerinnen vorbehalten. Ingeborg Bachmann 1971 in Malina. So kann es sein:
„Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last, sie werden sich in die Lüfte heben, sie werden unter die Wasser gehen, sie werden ihre Schwielen und ihre Nöte vergessen. Ein Tag wird kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben. Es wird eine größere Freiheit sein, sie wird über die Maßen sein, sie wird für ein ganzes Leben sein.“ … (2)
Das kommende Reich mit allen Zukünften ist im Werden darauf setzen wir unsere Hoffnung und unser Gebet. Amen.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
(1) https://verfassungsblog.de/das-boeckenfoerde-diktum/ Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“
