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Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5)

Alles – ja endlich – alles neu. Wurde auch langsam Zeit, dass wir das alte Jahr von uns streifen, wie eine abgewetzte Jacke, die nicht mehr wärmt, die nach nichts mehr aussieht, die nicht mehr zu reparieren geht. Die riecht nach dem Alten, das endlich vorbei ist: Alles neu. Heute, am ersten Tag des Jahres 2026.

Ist es Ihnen schon einmal aufgefallen: Zum dritten Mal hintereinander geht es in der Jahreslosung um: Alles. Prüft alles und behaltet das Gute – hieß es im letzten Jahr. Alles, was ihr tut, soll in der Liebe geschehen – ein Jahr zuvor. Am Beginn eines neuen Jahres geht es offenbar um alles – oder gar nichts? 

Das neue Jahr erlebe ich eher als Übergang. Vieles, was bleibt, Gott sei Dank. Neues, das ich hoffnungsvoll erwarte und manches, was ich befürchte. Doch niemals alles neu, alles prüfen und alles in Liebe tun.

Anders als die Herrnhuter Losungen, die für jeden Tag gelost werden, wird die Jahreslosung von einer ökumenischen Kommission ausgewählt. Gesucht wird nach einem biblischen Leitwort, das etwas von dem aufnimmt, was in der Luft liegt. In diesem Jahr soll uns ein Satz aus einem apokalyptischen Buch leiten. Im letzten Buch der Bibel lässt uns Johannes an seiner prophetischen Schau teilhaben. Er sitzt auf der Insel Patmos, weil er sich zu Jesus Christus und nicht zur römischen Staatsmacht bekennt. Er ist ein Verbannter, so wie viele Christinnen und Christen zur damaligen Zeit. Johannes schreibt „die Offenbarung“ an die sieben kleinasiatischen Gemeinden. Auch dort wird der Kaiserkult eingeführt und durchgesetzt. Der Kaiser nimmt göttliche Verehrung für sich in Anspruch, die in dem Ruf gipfelt: „Der Kaiser ist Gott!“ Die drängende Frage damals war die nach dem Festhalten am Glauben, am Durchhalten angesichts von Verfolgung und Benachteiligung. Die Offenbarung des Johannes ist also zum einen ein mutiges und strahlendes Bekenntnis zu Jesus Christus, zum anderen ein warnendes und zugleich seelsorgliches Schreiben an die verunsicherten Gemeinden. Johannes will trösten und die Gemeinden stärken.

Gott, so lautet die Wahrheit des traumhaften Bildes, kommt den Menschen entgegen. Gott baut „sein Zelt“ - so heißt es wörtlich in dieser Vision - bei den Menschen. Er ist nicht im Palast zu finden und nicht bei den Reichen und Mächtigen dieser Welt, er zeltet und kommt uns nah als ein Mensch unter Menschen. Er trägt einen Namen: Jesus von Nazareth. Weiter heißt es: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein. 

Johannes verkündet Hoffnung über allem Leiden und Grauen der Welt hinweg. Darum waren diese Bilder über die Jahrhunderte so anziehend. Weil sie das Leid nicht ausblenden. Weil sie nicht vergessen machen, wo Kriegsgeschrei und Machtgehabe die Menschen niederdrücken und vernichten. In die Bilder des Johannes wird die Angst machende und fürchterliche Gegenwart eingewoben. 

Für das Jahr 2026 gesagt, in einer Zeit, in der finstere Zukunftsszenarien und ganz konkrete Drohkulissen Angst verbreiten, höre ich auf die Zusage wie auf eine völlige Neuorientierung: „Alles neu“ – Irgendwann einmal und bis dahin? Wenn Gott kommt und alles neu machen will, dann steckt darin die große Freiheit, das Leben danach auszurichten und zu gestalten. Sich nicht den Mächten des Todes zu unterwerfen, die um uns lauern und auf uns warten. Sich nicht einschüchtern zu lassen und nicht die eigene Bedeutung – auch als christliche Gemeinde - klein reden zu lassen. Das ist beispielsweise dort der Fall, wo wir es für ein unabwendbares Schicksal halten, dass Menschen in Armut fallen und einer „Unterschicht“ angehören, der sie nicht mehr entrinnen können. Es ist dort der Fall, wo wir Gewalt und Krieg für unumgänglich erklären und die Vergeblichkeit aller Friedensbemühungen vorwegnehmen. Dass wir dieses Geschenk der Freiheit annehmen und bekräftigen, wird nötiger denn je sein. Dass wir die Freiheit des Glaubens öffentlich vertreten, ist unsere wichtigste Aufgabe.

Siehe, ich mache alles neu. Wir haben den Hoffnungsfaden in der Hand, der uns den Weg zum Leben weist. Durch den Schmerz hindurch zur Dankbarkeit. Durch die Tränen hindurch zum Lachen. Durch den Tod hindurch zum Leben hin zu einem neuen Leben. Zu einem Leben, das uns schon heute Hoffnung macht und getröstet sein lässt.

Grafik Stefanie Bahlinger 2026

Die Künstlerin Stefanie Bahlinger hat diese gewaltige Ansage im vorletzten Kapitel der Offenbarung ins Bild gebracht. Sie erinnert eine bedrängte Gemeinde an den lebendigen Gott, der voller Schöpferkraft ist. Der Bogen in den Wolken, der Regenbogen fällt als erstes in den Blick. Sie spannt ihn von der Schöpfung hin zu einer Neuschöpfung. Vom Anfang, in dem Gott die Erde und den Menschen gut geschaffen hat, hin zu einem Ende, an dem alles gut sein wird. Angedeutet durch die dunkle Fläche links im Bild werden die Folgen der Entfernung des Menschen von diesem Guten in den Blick genommen. Bis heute schreibt Gott seine Geschichte mit den Menschen weiter. Im unteren Bereich endet das Rot des Regenbogens in Blutstropfen. Sie stehen für alles Leid und alles Blutvergießen, für das Menschen verantwortlich sind. In den Regenbogen fügt sich ein goldenes Kreuz. Es steht für Jesus und sein Leben, das solch eine Ausstrahlung hat bis heute. Es steht für die Zeitenwende, die wir zu Weihnachten feiern. Der leuchtende Stern am Ende des Querbalkens des Kreuzes weist darauf hin. 

Die Bibel erklärt nicht, wie das geschieht – weder bei der Schöpfung noch bei der Neuschöpfung. Es geschieht! Weil Gott spricht. Schon im Hier und Jetzt. Auch in mein Leben hinein. Nehme ich das wahr? Glaube ich daran? Es gibt Zeiten, da sind Gottes Worte für mich so unklar und verschwommen wie die Zeilen im mittleren Bereich der Grafik. Oft kann ich nicht erkennen, wo und wie Gott handelt und bleibe Bittende und Klagende. Dann brauche ich die Gemeinschaft einer Gemeinde und einer Kirche, die mitträgt und mit mir glaubt, so wie damals die Gemeinden, an die Johannes schreibt.

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!

Das übertrifft meine Vorstellungskraft. Weil diese an Raum und Zeit gebunden ist und ich die Dimension Ewigkeit nur ahnen kann. Und doch gibt es immer wieder Berührungen zwischen „Himmel und Erde“. An vielen Stellen der Bibel taucht „Siehe!“ auf: Sieh genau hin! Hier passiert etwas, was sonst deiner oberflächlichen Wahrnehmung verborgen bleibt. Das Neue wird schon sichtbar zwischen den Zeilen und den Zwischenräumen deiner Wahrnehmung. Es gibt viele Versuche, die Ewigkeit zu beschreiben, sie sich auszumalen. Die Künstlerin hat sie in strahlend warmes Gelb getaucht.

Einer, der davon wie kein anderer reden konnte (und von dem in diesem Jahr zu reden sein wird) war der Liederdichter Paul Gerhardt. Sein Todestag jährt sich in diesem Jahr zum 350. Mal. Auf dem Porträt Paul Gerhardts, das in der Kirche seiner letzten Pfarrstelle in Lübben im Spreewald hängt, wird seine Erfahrung von Glauben und Zweifel in einem kurzen lateinischen Vers zusammengefasst: „Paulus Gerhardus, Theologus, in cribro Satanae versatus“ – auf Deutsch: „Paul Gerhardt, Theologe, in Satans Sieb durchgeschüttelt“. Er, der uns manchmal als der Glaubensstarke in seinen Liedern erscheint, hat sich durchgekämpft und von Gottes Neuschöpfung her geglaubt und gehofft. Es ist bei seinen Liedern, als erprobe er die eigenen Texte an seinem Leben. Fünf Jahre nach Ende des 30jährigen Kriegs dichtet er das Neujahrslied „Nun lasst uns gehn und treten“: Str. 7 „Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue. Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.“ „Siehe, ich mache alles neu“ – jetzt schon ist Gott nahe, nimmt Wohnung in unserem Elend und in unserem Glück. Spannt Hoffnungsfäden in unserem Leben, das auf Ewigkeit hin angelegt ist. Amen