
Rev. Bridget Gautieri
18 Januar 2026
Johannes 2,1-11
Gnade und Friede sei mit euch von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.
Als ich an der Universität war, ging ich gerne auf Studentenpartys. Das war eine gute Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen und die Sorgen über anstehende Präsentationen und Projekte beim Tanzen zu vergessen. Wenn ich jemand Neues kennenlernte, waren die ersten beiden Fragen immer: „Wie heißt du und was studierst du?“ Ich antwortete dann: „Ich heiße Bridget und studiere Theologie“. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft die Leute Witze darüber machten, dass Jesus Wasser in Wein verwandelte – das war der ultimative Partytrick.
Wenn Jesus heute auf einer Universitätsparty auftauchen und Wasser in Wein verwandeln würde, wäre er auf TikTok berühmt und der beliebteste Typ auf der Party. Das ist zwar lustig, aber man darf nicht vergessen, dass die Umstände „vor 2000 Jahren ganz anders waren als heute. In der griechisch-römischen Gesellschaft basierten Wert und Status eines Menschen stark auf Ehre und Schande. Ehre war die ultimative soziale Währung, eine öffentliche Anerkennung des Wertes und Status einer Person. Ehre war etwas, das man von anderen erhielt, wenn man die Werte der Kultur angemessen verkörperte.
Umgekehrt war Schande der verheerende Verlust des öffentlichen Ansehens. Scham war die Verhöhnung oder Verachtung, die eine Person erfuhr, weil sie die Werte der Kultur nicht verkörperte. Ehre zu haben, hob einen in der hierarchischen Struktur der Gesellschaft nach oben, während Schande einen selbst, die eigene Familie und die zukünftigen Nachkommen nach unten zog. Während heute das Selbstwertgefühl auch aus dem Inneren kommt, kam es in der griechisch-römischen Kultur ausschließlich aus der Wahrnehmung, die die Gesellschaft von einem hatte.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es ein großes Problem war, dass bei dieser Hochzeit der Wein ausging. Das Brautpaar und ihre Familien hätten immense Schande erfahren, weil der Wein ausgegangen war und die gemeinsame Freude über die Hochzeit getrübt wurde. Maria, die Mutter Jesu, weiß, wie ernst die Lage ist, und spricht ihren Sohn daher leise auf die Krise an. Sie sagt einfach: „Sie haben keinen Wein mehr.“
Wir wissen, dass neben Jesus und Maria auch einige Bedienstete anwesend sind, denn Maria weist sie an, zu tun, was Jesus sagt. Jesus weist sie an, sechs große Krüge mit Wasser zu füllen und sie dem Bräutigam, dem Gastgeber, zu bringen. Dann erfahren wir, dass ein Wunder geschehen ist: Das Wasser hat sich in wirklich guten Wein verwandelt, etwa 600 bis 900 Flaschen davon. Anstelle einer Nacht voller Scham und Mangel geht die Feier mit reichlich Vorräten weiter, was dem glücklichen Paar und ihren Familien große Ehre einbringt. Mit der Hilfe der Bediensteten und seiner Mutter verwandelt Jesus Mangel in Überfluss.
Unsere heutige Welt funktioniert nach dem Prinzip der Knappheit. Das Narrativ lautet: Es gibt nicht genug. Es gibt nicht genug Geld. Nicht genug Zeit. Nicht genug Sicherheit. Nicht genug Platz. Und weil es nicht genug gibt, wird uns gesagt, wir sollen Angst haben und nach jemandem oder etwas suchen, dem wir die Schuld für diesen Mangel geben können. Die Folge ist, dass Angst, Misstrauen und Grausamkeit gerechtfertigt werden.
Diese Wahrnehmung sagt uns, dass Respekt und Liebe verdient werden müssen, dass nicht jeder dazugehört, dass manche Leben wichtiger sind als andere und dass, wenn jemand anderes glücklich und sicher ist, dies auf unsere Kosten geschieht. Im Kern sagt uns diese Einstellung, dass wir auf uns allein gestellt sind und dass niemand, auch Gott nicht, zuverlässig für uns sorgen kann. Wir müssen selbst für uns sorgen und uns selbst schützen, und damit basta.
Die Angst, in der wir leben, wird zu einem Machtinstrument, denn Angst hält uns ruhig und gehorsam. Angst trennt uns voneinander. Ich stehe vor Ihnen als amerikanische Pastorin, die zutiefst beunruhigt und erschüttert ist über das, was die Regierung meines Landes tut. Sie verbreitet genau dieses Narrativ von Knappheit und Angst und erzählt uns, dass unter unseren Nächsten unzuverlässige, gefährliche Kriminelle sind.
Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit und des Schutzes befiehlt die Regierung, Familien zu trennen und Menschen, darunter auch Kinder, inhaftieren zu lassen. Es wurde in den USA eine Hotline eingerichtet, über die Menschen ihre „verdächtigen Einwanderer-Nachbarn” melden können. Infolgedessen sind Gemeinden bedroht, Schulen werden geschlossen, und wie wir vor elf Tagen in den Nachrichten gehört haben, werden Menschen wie Renee Good von Beamt*innen der Einwanderungs- und Zollbehörde erschossen und ermordet. Diese gewalttätigen, öffentlichen Machtdemonstrationen werden als nötige Politik gerechtfertigt.
Was derzeit geschieht, ist nichts Neues. Im Laufe der Geschichte haben diejenigen, die Macht hatten, diese oft dazu ausgenutzt, Menschen zu unterdrücken. Der Pharao nutzte seine Macht, um die Israeliten zu versklaven und die Tötung hebräischer Jungen anzuordnen (Exodus 1-14). Religiöse Anführer haben ihre Macht genutzt, um Arme auszubeuten. Kaiser Caesar Augustus kontrollierte sein Volk durch hohe Steuern, Land/ent/eignung und die Androhung der Kreuzigung. Pontius Pilatus wusste, dass Jesus unschuldig war, richtete ihn aber dennoch hin, um die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten.
In all diesen biblischen Beispielen nutzten die Machthaber die Androhung von Knappheit, um Menschen zu marginalisieren und zu kontrollieren, indem sie sagten: „Ihr seid nicht wichtig genug und habt nicht genug Macht, um etwas zu verändern.“ Wie wir in der gesamten Bibel sehen können, bietet Gott uns eine Alternative zu diesem Narrativ. Durch Moses führt Gott die Israeliten aus der Sklaverei in die Freiheit. Durch die Auferstehung Jesu verwandelt Gott den Tod in Leben. Indem bei der Hochzeit in Kana Wasser zu Wein wird, verwandelt Gott Knappheit in Überfluss, ein Thema, das wir in den Evangelien immer wieder sehen. Jesus versorgt über 5.000 Menschen mit nur 5 Broten und 2 Fischen.
Als seine Jünger eine erfolglose Nacht beim Fischen verbringen, sagt Jesus ihnen, sie sollen ihre Netze auf der anderen Seite des Bootes auswerfen, und sie fangen so viele Fische, dass sie das Netz nicht mehr einholen können. In der Heiligen Kommunion verspricht Jesus, im Brot und Wein gegenwärtig zu sein und sich uns reichlich zu zeigen, wenn wir gemeinsam davon essen und trinken.
In Gottes Gegenwart gibt es genug Liebe und Gnade für alle. Es gibt genug Platz für alle, genug Gerechtigkeit für alle. Gottes Gnade wird ohne Bedingungen gegeben, ohne dass man sie sich verdienen oder rechtfertigen muss. Das Evangelium, die frohe Botschaft, entlarvt angstbasierte Macht als Lüge, indem es Gnade über Gnade ausgießt, bis die Krüge überlaufen. In Gottes Geschichte vertreibt Liebe die Angst. An Christi Tisch werden keine Papiere kontrolliert und niemand wird abgewiesen. Gott schenkt allen Menschen Liebe, Gnade, Vergebung und Erlösung.
Geschwister in Christus, wir sind nicht dazu berufen, so zu leben, als ob andere uns etwas wegnehmen. Sondern: wir sind dazu berufen, denen beizustehen, die ausgegrenzt und unterdrückt werden. Wir können dies tun, indem wir entmenschlichende Sprache ablehnen, indem wir Begleitung und Zuflucht schenken, durch Beten und Handeln, indem wir Gastfreundschaft als Widerstand praktizieren und indem wir alle unsere Nächsten lieben wie uns selbst.
So wirkt Gottes Gnade durch uns. Gottes Herrlichkeit offenbart sich nicht durch Unterdrückung, sondern durch Fülle. Nicht in Terror, sondern in Freude. Nicht in Knappheit, sondern in Liebe, die immer weiter fließt. Wenn die Welt uns sagt, dass es nicht genug gibt, füllt Jesus die Krüge weiter – und ruft uns dazu auf, darauf zu vertrauen, dass Gnade stärker ist als Angst. Amen.
