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Predigt am Ostermontag 6. April 2026

Lukas 24, 36-45

36Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? 39Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. 40Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? 42Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43Und er nahm’s und aß vor ihnen.
44Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. 45Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern, liebe Brüder,

erinnern Sie sich noch an die Befreiung der Geiseln? Mir haben sich die Bilder eingebrannt, die letzten kamen um Weihnachten frei. Mir sind die Tränen in die Augen geschossen: beim Anblick der befreiten israelischen Geiseln, die nach mehr als zwei Jahren freigelassen wurden. Die Bilder des ersten Wiedersehens haben mich zutiefst berührt: Angehörige, die ihre Söhne und Töchter ganz fest an sich drücken mit Freude und Schmerz. 

Und immer diese Tränen der Freude und der Sorge, ungläubig. Diese Umarmungen müssen auch den Beweis für die Wirklichkeit bringen: du bist jetzt hier. Ich kann dich spüren.

Der 21 jährige Deutsch-Israeli Alon Ohel wurde am 7. Oktober 2023 schwer von Palästinensern verletzt und entführt und wurde mit den letzten Geiseln kurz vor Weihnachten 2025 dem Roten Kreuz übergeben. Er sagt: „Ich war herausgerissen aus meinem Leben, fast noch ein Kind. Von einer Sekunde auf die nächste – und in die Hölle geworfen. In Gaza war ich wie tot. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben und mich für das Leben entschieden.“ Er hält durch, er hat viel Glück, er wird gefoltert, er hungert und überlebt. Er ist Pianist. 

Wir haben diese Bilder gesehen. Da sind Menschen vom Tod zurück ins Leben gekommen. Das geht ans Herz. Auch aus der Ferne. 

Der Evangelist Lukas dagegen berichtet sehr sachlich darüber, wie Jesus aus dem Grab zu den verängstigten Jüngern tritt. Dieser Bericht soll alles klarstellen. Keine Frage sollte offenbleiben. Es geht um Augenzeugenberichte. Lukas ist es ein großes Anliegen, die Auferstehung Jesu ganz realistisch zu dokumentieren. 

Er erzählt das den aufgeklärten hellenistischen Gemeinden und hinein in die judenchristliche Gemeinschaft. Er liefert einen möglichst schlüssigen Bericht, der für alle Hörergruppen plausibel ist. 

Gerade waren Kleopas und Simon von ihrem Weg nach Emmaus ganz aufgeregt zurückgekommen und hatten über die Begegnung mit Jesus erzählt, der mit ihnen das Brot gebrochen hatte. Plötzlich tritt Jesus noch einmal unter sie alle. Alle Jünger werden zu Augenzeugen. Dabei sollten wir uns eher nicht die zwölf vorstellen, sondern eine größere Menge von Frauen und Männern, die sich Jesus angeschlossen hatten.

Jesus geht seinen Jüngerinnen und Jüngern noch einmal nach. Sie hatten schon öfter Erklärungen gebraucht für das, was eigentlich vor Augen lag. 

Jetzt kommt zu ihrem Unverständnis noch der Zweifel hinzu. Er, der elend am Kreuz der Römer gestorben ist, geht wieder umher? Wirklich? Jesus rechnet mit dem Zweifel. Zweifel sind angebracht und sie gehören zur jüdischen Tradition. 

Für mich steckt darin ein Trost. Zweifel erheben sich immer bei der Frage nach der Auferstehung und wie der Auferstandene in unserer Welt wirkt. Dass der Zweifel von Anfang an fast schon eingepreist ist, beruhigt mich. Ich bin damit nicht allein. Gemeinsam mit den Jüngern schaue ich auf die Wundmale. Und weiß wieder: der Zweifel ist der kleine Bruder des Glaubens. Ohne Glauben braucht es auch keinen Zweifel.

Jesus betritt das Haus und spricht den Friedensgruß. Doch die Jünger erschrecken und fürchten sich, das verringert ihre Einsichtsfähigkeit. Jesus, ist ein Lehrer und führt nun eine Art Beweis. Ganz ruhig. Er möchte erkannt werden. 

Auch bei der Befreiung der Geiseln haben wir gesehen: das muss körperlich erfahren werden: durch Berührung und Umarmung. 

Normalerweise erkennen wir Menschen an der Statur, am Gang, natürlich am Gesicht. Jesus aber zeigt den Jüngern seine Hände und Füße mit seinen Wundmalen. Die Auferstehung hat die Verletzungen nicht ungeschehen gemacht. Die Narben blieben und an seinen Wundmalen ist er als Christus erkennbar. So wird er später in der christlichen Kunst dargestellt. 

Jesus möchte den Jüngern deutlich machen, dass er auch als Auferstandener eine Einheit aus Körper und Seele ist. Er möchte klarstellen, dass er kein körperloses Gespenst ist. Er ist er selbst – der Ihnen bekannte Jesus. Immer noch. Die Jünger sollen ihre Furcht überwinden und ihn anfassen können, denn er besteht aus Fleisch und Knochen. 

Und noch sind die Zweifel der Jünger nicht besiegt. Und natürlich frisst die Verwirrung in ihren Herzen nach dem furchtbaren Tod und der Grabesruhe. Jetzt kommt die nächste Beweisführung: Jesus möchte essen. Er bekommt ein Stück gebratenen Fisch. 

Lukas erzählt das weiter so wie eine Dokumentation der Auferstehung: Jesus versucht es den Hörern leichter zu machen, damit sie das, was völlig unglaubwürdig ist, für wahr halten können.

Dass einer aus dem Grab wieder aufsteht und seine Wundmale zeigt – das bedeutet, er wurde wirklich gekreuzigt und wirklich beerdigt – und dass er dann auch noch isst, widerspricht aller menschlichen Erfahrung und ist doch die tiefste Hoffnung und feste Erwartung. 

Wir haben es heute in unserer Alttestamentlichen Lesung gehört: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig.“ (Jes. 25) Damit vollendet sich diese Hoffnung, denn was ist denn die Auferstehung Jesu von den Toten anderes, als verschlungener Tod.

Die Jünger machen die Erfahrung, dass das Leben den Tod besiegt. Das auf den Tod das Leben folgt. Diese Hoffnung, aufgehoben zu sein bei Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und für jedes seiner Kinder einen Plan und einen Platz hat.

Beim Propheten Jesaja steht: „Gott, der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen“. Wenn Gott die Tränen abwischt, sieht er sie. Auch hier wieder dieses Motiv, dass Gott und mit ihm auch Jesus den Menschen in der Not nahe ist und sie tröstet. Und dereinst wird es kein Leid mehr geben, anders als jetzt. 

Ohne Ostern wäre der ganze Weg Jesu sinnlos gewesen, seine Geschichte erklärt sich von hinten. Im Rückblick können die Jünger verstehen, dass Jesus die Vollendung der biblischen Botschaft ist. Und damit ist alles neu geworden. 

Die Ostererfahrung teilen wir in unserem Tischgebet: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast …“ Das erinnert an den Besuch Jesu und seine Bitte, um etwas zu essen. Und steht  an der jüdischen Tradition, die den Propheten Elias als Gast erwartet und für ihn einen Platz und einen Becher bereit stellt. Jesus ist Teil unserer Tischgemeinschaft und überlässt uns nicht uns selbst, sondern nimmt uns in das Mahl mit ihm hinein.

Friedrich Nietzsche dem Pfarrerskind, Philosophen und Religionskritiker aus Röcken haben wir verschiedene bissige Bemerkungen des Zweifels und der Kirchen-Kritik zu verdanken. Einem seiner Sätze kann man sicher unumwunden zustimmen: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ [1] 

Man dürfte es uns deutlicher ansehen, wie wir an die Auferstehung glauben, zumindest zweifelnd glauben und daran, dass der Tod vom Leben gefressen wurde. Da hat Friedrich Nietzsche schon einen Punkt. Eine solch einschneidende Veränderung, dass auf den Tod das Leben folgt, kann ja nicht folgenlos bleiben, sondern muss uns fröhlich machen. Deshalb gibt es den Risus Paschalis, das Osterlachen. Am Osterfest sollen Witze erzählt werden, um Sie zum Lachen zu bringen. Denn natürlich, nach der Rückkehr, wenn die Tränen getrocknet sind, wird ein fröhliches Fest gefeiert- mit Witzen und einem Gelächter, das den Tod in die Flucht schlägt. 

Deshalb will ich es mit ein kleinen Witz versuchen, der nicht aus unserem Seminar stammt: „Würden die Christen erlöster aussehen, würden auch mehr an die Erlösung glauben“, sagte Nietzsche und ein Predigtlehrer erklärte dazu den angehenden Predigern: „Wenn Ihr vom Himmel predigt, lasst Euer Gesicht strahlen. Wenn Ihr von der Hölle predigt, da genügt Euer normales Aussehen.“

Und um selbst der Freude Ausdruck zu geben, werden wir gleich ein Lied singen, das uns in einen schwungvollen Rhythmus bringt, der spürbar macht, der Tod ist besiegt, jetzt wird gesungen und ein bisschen – innerlich – getanzt. 

Alon Ohel feierte seinen 25. Geburtstag nach einigen Operationen mit einem Konzert und sang: „Ich hatte immer Angst, dass ich den Verstand verliere. Mein Sieg ist, dass ich hier bin und singe. Mein Herz war erstarrt und leer und nun bin ich zurückgekehrt ins Leben.“ [2] 

So ist Auferstehung. Das feiern wir.

Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 

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[1] Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) in „Also sprach Zarathustra“
[2] https://www.youtube.com/watch?v=Pj3fxR6Fi-o