
Predigt über 4. Mose 6,4-9
Das Beste kommt zum Schluss lautet der Titel eines Films, der 2007 in die Kinos kam. Zwei Männer, beide schwerkrank, begegnen sich im Krankenhaus. Sie haben nicht mehr lange zu leben. Der eine beschließt, eine sogenannte bucket list, eine Löffelliste, zu schreiben (wenn er den Löffel abgibt). Alles Dinge, die er vor seinem Tod noch gemacht haben will. Er scheitert daran, zu viel, zu aufwendig, denkt er sich und wirft den Zettel zerknüllt weg. Sein Bettgenosse findet ihn. Beide ersinnen nun gemeinsam, was sie unbedingt noch tun wollen, z.B. mit einem Fallschirm abspringen, einen Ford Mustang Shelby fahren, die Pyramiden und den Taj Mahal sehen, auf Großwildjagd gehen, etwas Majestätisches erleben, einem fremden Menschen etwas Gutes tun, so sehr lachen, bis man weint, das schönste Mädchen der Welt küssen und so weiter.
Wie das bei amerikanischen Filmen so ist, gehen viele Wünsche auf wundersame Weise in Erfüllung, oft anders als geplant. Am Ende liegt über dem Leben und dem Sterben ein geheimnisvoller Frieden, in dem Versöhnung und Menschenliebe zu spüren sind. Im Ende steckt der Neuanfang für Lebensfülle und Glück.
Das Beste kommt zum Schluss. Auch über die Geschichte, von der wir heute hören, könnte man das so sagen. Auf der Schwelle zwischen Wüstensand und gelobtem Land erfahren die Israeliten von Gott, wie sie zu leben haben. Lange Reihen von Geboten für ein gutes Leben bereiten sie auf ein friedliches Miteinander im verheißenen Land vor. Unmittelbar vor unserem Text geht es um Eifersucht und Ehebruch. Danach wird der Umgang mit Versprechen geregelt, die vor Gott gelten und an ihn binden. Irdisches und Himmlisches treten nebeneinander und führen zu dem Besten, was den Leuten von Mose und Aaron passieren kann: Zum Segen:
Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der Herr segne dich und behüte dich;
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Gottes Segen ist eingebettet in eine Geschichte. Er hat einen Auftraggeber und einen Empfänger. Er steht am Ende eines langen und gefährlichen Weges. Ein Weg, der von der Gefangenschaft in die Freiheit führt. Ein Weg, der von Misserfolgen, von menschlichen Fehlleistungen, von Schuld und Versagen geprägt ist. Ein Weg, auf dem Gottes Segen still und stetig spürbar wird für die gute Schöpfung von Anfang an, für Abraham, der zum Segen für sein Volk wird, für Jakob, der am Fluss, dem Jabbok, mit Gott um den Segen ringt und sagt: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Für alle die, die mit den Vätern und Müttern des Glaubens ihren Weg mit Gott gehen und sich segnen lassen. Als unverlierbares Zeichen ruht der Segen auf den gesegneten, von Gottes Angesicht erleuchteten Menschen. Wenn Malte heute den Segen bei der Taufe empfing, erhoffen wir das auch für ihn, dass an Stationen des Übergangs oder in schweren Zeiten, wenn bald nichts mehr zu hoffen ist. Das Vertrauen in Gottes Gnade und Güte größer ist als die Furcht.
Das Beste kommt zum Schluss. Nach einer langen Reihe von großen Festen im kirchlichen Kalender, nach Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten kommen wir heute zum Finale. Wir feiern Trinitatis. Wenn Sie jetzt eher erstaunt sind oder die Stirn runzeln, sind Sie nicht allein. Keine Geschenke, keine Geschichte aus der Bibel, die als Festlesung herhalten könnte. Der Sonntag Trinitatis fasst zusammen, wer Gott für uns ist als Vater, Sohn und Heiliger Geist und damit, wie wir die göttliche Kraft in unserem Leben entdecken und spüren können.
Der Herr segne dich und behüte dich.
Das heißt zuerst einmal, dass Gott dir geben möge, was du zum Leben brauchst. Und dass nichts selbstverständlich ist, was zum Guten geschieht. Martin Luther in seiner Auslegung zu diesem Text schreibt es so:
Es ist uns nicht möglich, aus unserer Macht oder aus unserer Klugheit ein Hühnlein, ein Hälmlein oder ein Ferklein, ja auch nicht ein Körnlein zu erhalten oder behüten, geschweige denn, dass wir es selbst machen oder schaffen könnten. Der Schöpfer, der es uns alles schafft und gibt, der muss auch alles behüten und erhalten.
Gottes Segen macht unsere Welt nicht zu einem sicheren Ort. Gerade heute, wo das Streben nach Sicherheit unser Leben bestimmt und sie so oft greifbar nah scheint, wird die Enttäuschung darüber, dass wir sie nicht erlangen, umso größer. Das gesellschaftliche Klima leidet darunter. Ende letzten Jahres gab es eine Umfrage in Sachsen-Anhalt zum Lebensgefühl der Menschen (Sachsen-Anhalt-Monitor). Die Mehrheit der Menschen (etwa 75%) gaben an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Ebenfalls die Mehrheit der Menschen (etwa 75%) sprachen von Verunsicherung, insbesondere im Blick auf einen dauerhaften Frieden und ein weiterhin persönliches gutes Auskommen. Ein Widerspruch? Dass diese Welt durch Krisen geht und bisweilen durch wüste Zeiten, macht den Segen nicht wertlos. Er geht mit, so erzählen es uns die Geschichten der Bibel. Aus solchem Gottvertrauen wachsen Mut und Protest gegen alles, was das Leben hindert und was Menschen Schutz und Bewahrung nimmt. Darum steckt in diesem Segen der Auftrag an uns, Gottes Handeln sichtbar zu machen.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Wir können nur in menschlicher Erfahrung davon sprechen. Wenn mich jemand freundlich anblickt, verändert das alles. Zumal, wenn zuvor etwas zwischen uns stand. Wenn Blicke sich ausweichen oder jemand mich bewusst nicht ansieht, dann ist die Beziehung gestört. Gottes Angesicht leuchtet, auch wenn ich seinem Blick ausweiche. Martin Luther nimmt dafür ein Bild, die Sonne, die über alles scheint und die macht, dass das Leben in seiner Fülle gelingt. Eine markante Geschichte wird ganz am Anfang der Bibel von den Brüdern Kain und Abel erzählt. Kain, der sich gegenüber seinem Bruder benachteiligt fühlt, senkt sein Angesicht, spricht der HERR: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor deiner Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie. (1. Mose 4,7) Der erste Brudermord geht wie ein Riss durch die Geschichte und erzählt von einem Gott, dem unser Blick auf ihn und unser Miteinander nicht egal ist. Der uns gnädig anschaut, dessen leuchtendes Angesicht Schuld aufdecken hilft und zur Vergebung anstiftet.
„Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Auch im dritten Teil ist die Rede vom Angesicht Gottes. Es klingt ein wenig so, als müsse Gott nachhelfen, er hebe sein Angesicht. Als wäre das Angesicht eine schwere Last, die erst einmal bewegt sein will. Es könnte doch auch sein, dass das Angesicht Gewicht hat. Denn darin enthalten sind Schönheit und Glanz und Herrlichkeit. Als Gottes Herrlichkeit in den neu gebauten Tempel einzieht, kommt Bewegung in die Mauern. Als Mose und die Ältesten Gott begegnen, glänzen sie noch eine ganze Weile davon. Herrlichkeit und Schwere haben in der hebräischen Sprache das gleiche Wort – ein Wort mit Gewicht. Der Segen hat Gewicht für mich und mein Leben und er hat Folgen, den Schalom, den Frieden. Die Bitte um den Segen geht über das individuelle Glück hinaus. Frieden bedeutet ein umfassendes Wohlergehen. Er hat eine gesellschaftliche und politische Dimension, die das ganze Leben betrifft. Wer gesegnet wird, gibt die Sehnsucht nach diesem Frieden nicht auf. Wer Segen empfängt, wird Teil einer weltumspannenden, friedenschaffenden Bewegung. Das große Finale am Sonntag Trinitatis zielt darauf ab, uns und unsere Welt in diesem Licht zu sehen.
Das Beste kommt zum Schluss. Auch im Gottesdienst, das sagen jedenfalls statistisch viele Besucherinnen und Besucher hier: Der Segen, das ist das Wichtigste für mich im Gottesdienst. Auf der Schwelle zwischen dem Ort der Gottesbegegnung und der Lebenswirklichkeit erreichen uns gewichtige Worte. Worte nur, denken wir oft. In Wahrheit sind sie das Stärkste. Das Wort ist Gottes Macht. Das Wort, mit dem wie auf einer bucket list, einer Löffelliste, aufgeschrieben steht, was mein Leben ausmacht. Da steht: Du bist gewollt. Du bist geliebt. Du gehörst zu mir. Was daraus folgt, wir werden es sehen, auf welch wundersame Weise EINER still und stetig handelt. Amen
