
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Wie anfangen?
Im September 2028 erzählen wir vielleicht von heute und diesem Anfang hier.
Wir erzählen vielleicht wie feierlich der Gottesdienst war, was uns bewegt hat, welcher Kanon uns immer noch durch den Kopf geht.
Wir erzählen vielleicht von Dingen, die gelungen sind und erst recht wohl von den anderen. Wir erzählen vielleicht von den Vorbereitungen und den Stellproben, den Einladungen, der Organisation von Sekt und Räumen, den Wegen hierher in diese Kirche und wer alles dabei war. Die Menschen, die zu unserem Leben gehören und die Menschen, die wir gerade erst angefangen haben, kennenzulernen. Manche in nur fünf Minuten.
Wir erinnern uns vielleicht, was alles angefangen hat an diesem Tag – der Kurs, die Studienleitenden, das Reformvikariat, das Übernachten in Wittenberg.
Und an die Frage von heute Nachmittag: Wer hat dich bis hierher begleitet? Wem möchtest du danken?
Eine Ahnung steckt in dieser Frage: Der Anfang hier und jetzt ist nur ein Zeichen. Ein sichtbares Ritual, das den Beginn offiziell markiert.
Aber: Andere Anfänge gibt es schon, irgendwo auf dem Weg hinter mir. Irgendwann hat etwas begonnen. Irgendwie hat es angefangen.
Und viele Anfänge liegen noch voraus. Sichtbare und solche, die sich erst im Nachhinein zeigen und erzählen lassen.
Wie anfangen?
Heute also: Feierlich, offiziell, sichtbar. Und wohl auch: Aufgeregt, ängstlich, gespannt.
Der Text, der gerade zu meiner Einführung gelesen wurde, fängt aber anders an:
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wie anfangen? Mit Kraft also. Vielleicht werden wir erzählen vom Geist der Kraft in den Anfängen, die noch kommen werden.
Vielleicht so:
Wie das ist: Am Grab stehen. Das Abschiednehmen in Rituale kleiden. Das erste Mal als Erster die Erde ins Grab werfen und derjenige sein, der etwas sagt, wenn alle anderen verstummen.
Der Tod macht hilflos und Hilflosigkeit macht stumm, so schien es ihm jedenfalls im Trauergespräch. Sein erstes, kein in leichter Anfang. Immerhin ein paar Wegmarken aus dem Leben sind zusammengekommen, ein wenig geweint, ein bisschen gelacht. Eine doofe Frage gestellt, aber am Ende herzlich verabschiedet.
Die Rede hat die Mentorin noch gecoacht, er fühlte sich sicher, war ja fast wie Gottesdienst halten – nur eben, dass da jetzt so ein Sarg im Raum lag und mit ihm die dicke Decke der Trauer. Jedes Wort musste da durch gesprochen werden, alles war langsamer, belegt. Die Blicke der Menschen ins Leere und kaum zu halten.
Nur Frau Kalinski schaute zumindest in seine Richtung. Sie war die Nachbarin gewesen, da ist man dann eben da. Auch am Ende.
Sie hielt sich höflich zurück, als der Trauerzug zum Grab ging. Abteilung IV, hatte der Bestatter verkündet. War offenbar ganz hinten. Genug Weg noch einmal den Ablauf am Grab durchzugehen. Erdwurf mit Mappe geht gar nicht, fand er. Also frei, mehrfach geübt mit der Mentorin und über dem heimischen Blumenbeet.
Ganz hinten angekommen an einem in grünes Plastik gekleideten Erdhügel stellen sich alle in der sozial gebotenen Reihenfolge auf: Je näher verwandt, desto näher am Grab. Das half, die Gesichter aus dem Trauergespräch zuzuordnen.
Der Sarg wurde würdig und fast ohne Rumpeln abgesenkt, der Deckel von der Erdschale abgenommen. Sieht nach Käseglocke aus, dachte er noch und wollte nun anfangen.
Aber womit?
Er hörte die Angehörigen schniefen und sein Gehirn rattern, aber es blieb stumm.
Hätte er doch die Mappe – in Blickrichtung Kapelle stand Frau Kalinski und gestikulierte, unauffällig, sanft aber deutlich.
Plötzlich fiel es ihm wieder ein: Erdwurf, Segen über dem Grab. „Gott segne deinen Eingang und Ausgang“… oder war es umgekehrt? Egal, weiß eh keiner. Umdrehen. Hm.
Frau Kalinski soufflierte routiniert durch den Ablauf: Deutete hoffnungsvoll Richtung Himmel, faltete die Hände, formte stumm die Worte „Vater Unser“ mit dem Mund und eine kleine Segensgeste mit den Händen.
Dann war es geschafft.
„Sie haben mich gerettet!“, bedankte er sich später über Mettbrötchen und Blechkuchen, während die Trauergesellschaft schon zum Bier übergegangen war. „Ach was, Sie haben gute Worte gefunden, ich habe dann eben noch Gesten ergänzt. Ich würde sagen: Wir haben es gemeinsam geschafft!“, lachte Frau Kalinski.
Wie anfangen? Mit Kraft. Gemeinsam.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wie anfangen? Mit Liebe also. Wir könnten erzählen vom Geist der Liebe in den Anfängen, die noch kommen werden.
Vielleicht so:
Wie sie dachte: Und das ist erst der Anfang, als der erste Gottesdienst am Heiligabend geschafft war. Intensive Wochen der Krippenspielproben einschließlich Kulissenbasteln, verlorenen Texte und einem rhythmisch kreativem Engelschor lagen hinter ihr. Auf ihrem Schreibtisch hatte sich im Gegenzug eine beträchtliche Menge selbstgemalter Bilder angesammelt.
„Machst du nächstes Jahr wieder ein Krippenspiel mit uns?“, fragte Toni, der dieses Jahr Hirte 3 war, „Dann bin ich aber der Oberengel!“, beschloss er und hüpfte grinsend Richtung Oma und Bescherung davon. Etwas von seiner Weihnachtsfreude hielt sich, trotz 174 Mal „frohe Weihnachten“ an der Kirchentür. So war das ab jetzt wohl: Weihnachten.
Kurze Pause, später noch die Christvesper. Und dann würde das Weihnachtsfest erst richtig Fahrt aufnehmen mit einem Festgottesdienst am 1. Feiertag, dessen Predigt bisher nur ein paar wenig feierliche Gedanken enthielt.
Zuhause war mit ruhiger Arbeitsatmosphäre vor Neujahr nicht zu rechnen. Ihre Schwester war mit der ganzen Kinderschar angereist, die Eltern schon seit dem 4. Advent im Keller untergebracht. War ja schließlich Weihnachten. Für alle anderen jedenfalls.
Die schliefen natürlich längst, als sie nach Hause kam. Die Tasche hatte sie gleich im Auto gelassen: Talar aufhängen an Weihnachten ist was für Anfängerinnen, das hatte sie Ostern gelernt.
Eigentlich musste sie direkt zum Schreibtisch, aber auf dem Weg ins Wohnzimmer blieb sie kurz stehen. Die Weihnachtsbeleuchtung hatten sie angelassen, sonst war alles aufgeräumt, nur eine einzelne Tasse stand auf dem Tisch. Daneben lagen ein Teebeutel, ein Schokoweihnachtsmann und eine kleine Karte, bei der offenbar jedes Familienmitglied einen Buchstaben geschrieben und ausgemalt hatte: „Wir haben dich lieb!“ stand da.
Sie klappte den Laptop gleich am Tisch auf, tippte ein paar Sätze für die Predigt, löschte andere wieder, fing neu an, trank Tee und aß den ganzen Schokoweihnachtsmann auf einmal. War ja Weihnachten. Jetzt. Auch für sie.
Wie anfangen? Geliebt.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wie anfangen? Mit Besonnenheit also. Wir könnten erzählen vom Geist der Besonnenheit in den Anfängen, die noch kommen werden.
Vielleicht so:
Der Anfang ist ganz entscheidend für den Stundeverlauf, hatte sie gelernt und sich alles gut überlegt: Einen Stuhlkreis gestellt. Alle Stühle gleich, damit nicht der Streit um den roten Kippelstuhl ausbricht.
Dazu sämtliche Tische des kleinen Teilungsraumes an die Wände geschoben, einen Bleistiftstummel, vier Bonbonpapiere und ein paar halbgelöste Matherätsel entsorgt.
Die Tafel gewischt, das Datum angepasst, damit Emil nicht sofort zur Kreide greift.
Die Mitte gestaltet, sodass sie neugierig macht: ein Meer, ein Schiff, viele Tiere drumherum.
Dazu den Sand der ersten Pause beherzt mit dem dunkelblauen Chiffontuch abgedeckt, damit die Arche Noah nicht gleich auf Grund läuft.
Es klingelt zu Pause.
Die aus der Flex 2 sind die ersten. Paul schmeißt seine Schultasche haarscharf an den Elefanten vorbei unter seinen Platz.
Juli fragt: „Was machen wir heute?“, wird aber von Mathilda verdrängt, die gerne alle drei Wackelzähne und die Schramme am Knie zeigen möchte.
Eine Trinkflasche muss aufgefüllt werden (ja, mach schnell), ein Ordner wurde vergessen, nein, zwei (nicht so schlimm, aber nächste Woche, ja?), außerdem die Filzer (okay, brauchen wir heute eh nicht), jemand muss auf Toilette (ja, mach schnell).
Währenddessen klingelt es zum Stundenbeginn. Hat aber keiner gehört, weil Emil Geburtstag hat und Amelie gerade einen Pop-up-Chor dirigiert.
Die Erzieherin schiebt noch die zwei aus der 1a in den Raum – hat leider länger gedauert mit dem Essen.
So. Alle da. Sie trägt sie in die Anwesenheitsliste ein und versucht, Paul die Klangschale sanft zu entwenden, damit es jetzt endlich losgehen kann.
Juli hat derweil sämtliche Tiere auf das Schiff gesetzt. „Das Schiff ist so groß, da haben alle Platz!“, freut sie sich.
Da merkt sie, dass die Stunde längst angefangen hat.
Wie anfangen? Gelassen.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Vielleicht werden Sie andere Geschichten vom Anfangen erzählen.
Vielleicht habe ich dann das Glück, manche davon zu hören und mit Ihnen gemeinsam darüber nachzudenken. Darauf freue ich mich.
Ein bisschen freue ich mich auch, dass meine erste Predigt hier geschafft ist. Ich habe geplant, gezittert, gedacht, gelesen, geredet und gestikuliert. Ein sichtbarer Anfang hier und heute.
Aber ich ahne: Angefangen hat ein anderer.
Längst.
Mit mir und mit dir.
Wie anfangen?
Geliebt. Gemeinsam. Gelassen.
Gesegnet.
Und der Friede Gottes, der unser Begreifen bei Weitem übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
