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Predigttext: Johannes 20,19-29

Gnade und Friede sei mit euch von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

 

Wir alle haben Narben, oder? Einige von uns haben Narben, weil sie vom Fahrrad gestürzt

sind, oder sich beim Kochen verbrannt haben, oder von einer Sportverletzung, die operiert

werden musste. Als ich als Kind vom Fahrrad stürzte und mir die Knie aufschürfte, tröstete mich

meine Mutter immer mit den Worten: „Narben sind nicht nur schlecht. Je mehr Narben eine

Person an den Knien hat, desto mehr Spaß hat sie gehabt.“

 

Aber nicht alle Narben sind so unschuldig wie die eines Kindes, das vom Fahrrad fällt.

Menschen bekommen Narben nach schweren Autounfällen, wenn sie operiert werden müssen

oder wenn sie schwere körperliche Arbeit verrichten. Viele behinderte Menschen und

Transgender Menschen haben Narben von lebensrettenden Operationen. Manche Menschen

haben Narben, weil sie gewalttätige oder missbräuchliche Situationen durchlebt haben oder auf

Grund von Selbstverletzung. Und manche Menschen haben Narben, weil sie ein Kind bekommen

haben. Fast alle Narben, die wir an unserem Körper haben, bleiben uns für immer erhalten. Sie

bleiben auf unserem Körper und sind Zeichen des Schmerzes, den wir einmal ertragen haben.

 

Narben sind etwas sehr Persönliches, und es gibt viele Emotionen, die wir mit ihnen

verbinden können. Für manche sind Narben eine Gelegenheit, interessante oder lustige

Geschichten aus unserer Vergangenheit zu erzählen. Es kann ein Gefühl des Stolzes sein, sie zu

haben. Für andere sind Narben peinlich oder beschämend, etwas, das man am liebsten

verschwinden lassen würde, so dass man sie lieber mit Make-up, Kleidung, Tätowierungen oder

Schmuck verdeckt, als sie zu zeigen.

 

Es gibt eine ganze medizinische Industrie, die sich mit Cremes und Gelen beschäftigt, die

uns helfen können, unsere Narben zu heilen oder zu verbergen. All das damit wir uns in unserem

Körper wohler und selbstbewusster fühlen können. Unabhängig von den positiven oder negativen

Geschichten, wie wir sie bekommen haben, erinnern uns Narben daran, dass wir etwas

durchgemacht haben, dass wir eine Art von Verwandlung durchlebt haben.

 

In der Lesung aus dem Evangelium heute Morgen haben sich die Jünger in einem Haus

eingeschlossen. Die letzten paar Tage waren sehr anstrengend. Innerhalb weniger Tage hatte

Jesus sein letztes Mahl mit seinen Jüngern eingenommen, mit ihnen das Brot gebrochen und

ihnen die Füße gewaschen. Judas hatte Jesus verraten. Petrus, der neu ernannte Leiter der Kirche,

hatte Jesus dreimal verleugnet. Pilatus hatte Jesus verhört und ihn unschuldig befunden, aber die

Menge hatte darauf bestanden, Jesus zu kreuzigen. Die Soldaten peitschten Jesus aus,

verspotteten ihn und nagelten ihn an ein Kreuz. Jesus, der Messias, der Christus, dem die Jünger

jahrelang gefolgt waren und dem sie ihr ganzes Leben gegeben hatten, war tot.

 

Es ist kein Wunder, dass sich die Jünger in ein Haus zurückziehen und die Türen

verschließen. Sie hatten eine Menge zu verarbeiten. Alles, in das sie ihr Leben investiert hatten,

war zerbrochen. Alles, woran sie geglaubt hatten, war zerstört. Der Messias, Gott in

Menschengestalt, sollte nicht sterben; Gott sollte unsterblich sein. Dieses ganze Ereignis war für

die Jünger unglaublich traumatisch, und wie die meisten Menschen, die ein Trauma oder Trauer

erleben, müssen die Jünger das Gefühl gehabt haben, dass sie ihr Selbstverständnis und ihren Sinn

verloren hatten.

 

Und in mitten dieses Kummers taucht Jesus auf. Die Szene ist für die Jünger so

schockierend, dass Jesus sie zweimal mit „Friede sei mit euch“ begrüßt. Erst als Jesus ihnen seine

durchbohrten Hände und seine vernarbte Seite zeigt, sehen sie den Herrn, heißt es im Text. Die

Narben Jesu tragen dazu bei, seine auferstandene Identität zu offenbaren. Doch aus irgendeinem

Grund war Thomas bei all dem nicht dabei. Vielleicht war er auf der Suche nach Jesus, oder er

brauchte etwas Zeit für sich, um zu trauern, wir wissen es nicht.

 

So erfährt Thomas die Nachricht von Jesu Auferstehung und seinem Erscheinen vor den

Jüngern aus zweiter Hand. Als Reaktion auf diese Nachricht sagt Thomas: „Wenn ich nicht in

seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand

in seine Seite, kann ich’s nicht glauben.“

 

Eine Woche später erscheint Jesus den Jüngern erneut in ihrem Haus, diesmal in

Anwesenheit von Thomas. Wieder sagt Jesus: „Friede sei mit euch“, dann wendet er sich direkt an

Thomas und sagt: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her

und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Jesus weiß sofort, was Thomas braucht. Er zeigt Thomas seine Narben und lädt ihn ein, sie

zu berühren. Es ist ein äußerst verletzlicher Moment für Jesus, anderen nicht nur seine Wunden

zu zeigen, sondern auch zu erlauben, dass sie berührt werden. Damit zeigt Jesus den Jüngern, dass

es gut ist, verletzlich zu sein, dass es gut ist, unsere Wunden miteinander zu teilen, dass es gut ist,

sich daran zu erinnern, dass wir alle etwas unglaublich Schmerzhaftes erlebt haben und trotzdem

noch hier sind.

 

Was in der Geschichte des Evangeliums heute Morgen von besonderer Bedeutung ist, ist

die Tatsache, dass die Narben Jesu bei seiner Auferstehung immer noch da sind; sie bleiben an

seinem Körper. Jesus hat etwas unglaublich Traumatisches und Schmerzhaftes erlebt, und er hat

die Spuren an seinem Körper, die ihn und uns daran erinnern. Jesu auferstandener, vernarbter

Körper hilft uns, uns daran zu erinnern, dass Gott in unseren dunkelsten Momenten bei uns war,

dass Gott für uns Schmerz, Verrat, Leiden und Tod ertragen hat, und dass derselbe, verwundete

Gott jetzt, nach der Auferstehung, bei uns ist.

 

Die Narben Jesu erinnern uns an alles, was Gott für die Menschheit durchgemacht und

ertragen hat. Jesus hat unsere Sünden, Narben, Wunden und Leiden am Kreuz auf sich

genommen, ist zu den Toten hinabgestiegen und hat Sünde und Tod überwunden, so dass die

gesamte Schöpfung gerettet, geliebt und mit neuem Leben erfüllt werden konnte. Dies ist die

Geschichte der Auferstehung.

 

Wenn Jesus den Jüngern seinen auferstandenen Körper zeigt, dann zeigt er uns, dass in der

Auferstehung unsere Narben, unsere Makel nicht ausgelöscht werden, sondern dass sie

verwandelt werden. Jesus verwandelt den Tod in Leben, die Sünde in Freiheit, den Hass in Liebe

und die Narben in Schönheit. Genauso wie wir in unserem Leben Trauma und Trauer erleben,

können die tiefen Wunden des Verlustes nicht ausgelöscht werden, aber wir können unser

Selbstbewusstsein und unsere Bestimmung wiedererlangen. Gott nimmt den Tod von Jesus und

verwandelt ihn in Leben. Gott nimmt unsere größten Fehler und verwandelt sie zur Ehre des

Reiches Gottes.

 

Jesus lädt uns wie Thomas in die Gemeinschaft ein, in den Leib Christi, und er lädt uns ein,

uns als unser ganzes Selbst zu zeigen und unseren wirklichen Schmerz, unsere Trauer und unsere

Wunden miteinander zu teilen, anstatt sie zu verstecken oder zu verbergen. Gott sieht uns an und

sieht Schönheit, selbst in unseren dunkelsten Momenten, und Christus ruft uns auf, zu kommen

und zu sehen, seine Hände und seine Seite zu berühren, nicht zu zweifeln, sondern zu glauben.

 

Alleluja! Amen.