
Frei und radikal – Predigt zu Lukas 9,57-62
Die Kinder haben ihn gesehen. Seelenruhig spazierte der Fuchs über den Schulhof. Aus dem Fenster während des Unterrichts haben die Kinder ihn gesehen. Aus den Mülleimern hat er sich die Reste der Pausenbrote geholt. Später dann, in der großen Pause fanden die Kinder unter einem Podest bei einem Spielgerät viel Sand aufgeworfen. Darunter war eine Kuhle. Darin fanden sie zerfetzte Papier- und Plastiktüten und Federn. Wohl der Rest von einem Taubenflügel. Von Fuchs keine Spur. Aber die Kinder haben ihn wirklich gesehen, aus dem Fenster, als gerade Unterricht war und keiner von ihnen nach draußen durfte.
Und die Kinder haben einen kleinen Futterball für Vögel ans Fenster gehängt. Seit dem sind jede Menge Spatzen und Meißen im Baum und in den Büschen vorm Haus. Aus denen tschilpt und zwitschert es in diesen Tagen. Ein dürftiger Stadtstrauch reicht ihnen aus, um darin zu wohnen. Da sitzen sie zusammen und singen fröhlich in den Frühling. Picken da etwas und dort ein paar Krumen. Um diese Zeit im beginnenden Frühling haben die Vögel noch nicht mal Nester, die bauen sie erst für ihre Eier und Küken.
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. (Lk 9,58)
Die Kinder haben ihn gesehen und nach ihm gerufen, obwohl die Erwachsene das gar nicht schön fanden – so viel krakeelen. Jesus ist dennoch zu ihnen gekommen hat sie geherzt und gesegnet. Jesus ging auch zu dem Blinden und zu dem Gelähmten. Zu dem ohne eigene Kraft und gibt ihm von seiner etwas ab. Allerdings, wo man auf ihn gut vorbereitet ist, da geht er vorbei. Er kehrt dafür bei denen ein, zu denen sonst keiner kommt. Er isst und trinkt dann mit denen, mit denen man eigentlich nicht isst und trinkt. Er lässt sich die überschwängliche Hingabe von Frauen gefallen und nimmt, was sie ihm schenken. Sie erkennen, wer er in Wahrheit ist. Er achtet die anhängliche Treue der Männer, die mit ihm gehen. Auch wenn sie ihn oft gar nicht verstehen oder nur sehr langsam. Und er liebt die Kinder.
Jesus streicht durchs Land, wie ein Fuchs, plötzlich da – kurz gesehen – schnell wieder verschwunden. Jesus fliegt ein und aus wie ein Vogel, leicht und frei, keine Adresse, kein fester Wohnsitz. Kommt gut durch ein paar Winter, mit Abendessen in festen Häusern, wo es Wein gibt und einem Dach für eine Nacht oder zwei. Kommt noch leichter durch den Sommer, mit etwas Brot und Fisch draußen am See. Kommt zurecht mit dem, was gerade da ist. Und seien es auch nur Körner vom Feld, ausgerieben in der Hand. Er sieht die Lilien zwischen dem Korn auf dem Feld, hebt den Blick zu den Vögeln unter dem Himmel, so leicht und so frei wie er.
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. (Lk 9,58)
Das ist keine Antwort. Allerdings hatte auch niemand eine Frage gestellt. Es heißt lediglich im Evangelium: Als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. (Lk 9, 57). Einer war begeistert und wagte es Jesus anzusprechen. Er sagt einen von diesen Sätzen, die man nicht so häufig sagt im Leben:
Ich will dir folgen, wohin du gehst. Ein großer, schöner Satz, er steckt so voller Hingabe. Und dieser Satz wird auf dem Weg gesagt; dort wo das Gehen und das Folgen stattfindet. Man kann nicht sagen, dass dieser Satz blauäugig gesagt wurde. Hier hat jemand genau gewusst, worauf er sich einlässt. Und dennoch, als ich diesen Satz gesagt habe, damals zu meiner Frau in voller Überzeugung und festen Willen – die ganze Tiefe und Tragweite habe ich nicht überblickt – wie auch. Man kann ja schließlich nicht die Zukunft lesen. Ich weiß doch gar nicht wie ich mich entwickle oder die Umstände oder was weiß ich.
Ich will dir folgen, wohin du gehst. Dieser Satz steckt voller Hingabe und Leidenschaft. Voller festem Willen und Überzeugung. Aber Jesus zu folgen heißt, noch weniger zu haben, als eine gescharrte Grube im Sand, noch weniger als ein dürftiger Strauch am Straßenrand. Die Füchse und Vögel mit ihren Gruben und Nestern, genährt von Resten, die keiner mehr will, sie gehören schon zu den Wohlhabenden, wenn man sie mit Jesus vergleicht. Wer kann so leben? Wer wäre bereit, alles aufzugeben? Ich weiß, viele träumen davon, frei und ohne Wohnsitz umherzuziehen, die meisten im eigenen Camper oder doch wenigstens gut ausgerüstet. Ob sie Jesus und damit das Reich Gottes auf ihrem Weg finden werden?
Die Kinder haben ihn gesehen, den Fuchs, auf ihrem Schulhof. Und die Kinder haben auch die Vögel im Strauch entdeckt.
Die Kinder haben Augen dafür, denn solchen gehört das Reich Gottes, sagt Jesus. Wenn ich mit den Augen der Kinder durch die Stadt gehe, ist die Wahrscheinlichkeit größer, Jesus zu finden. Nicht bei den gut Vorbereiteten. Also auch nicht hier in der Kirche am Sonntag. Er ist dort, wo ich zu meinem Kind sage: Guck da nicht so hin. Neben dem stinkenden Obdachlosen, neben dem Haufen aus Matratze, Schlafsack, Plastiktüten unter der Elbbrücke.
Jesus ist in der Ukraine, in den Wohnungen ohne Heizung, in stickigen Krankenzimmern. Er ist in den Flüchtlingslagern zwischen den Zelten und kleinen Feuern. Bei den Hungernden. Auf dem Boot im Meer. Da ist Jesus. Und wer ihn sucht und seinen Spuren folgen will, der muss auch da hin. Daher kommt es, dass wir all das tun als Kirche, was wir eben tun: Bahnhofsmission, Kältehilfe, Gefängnisseelsorge, Krankenhausseelsorge, Flüchtlingshilfe. Sogar ein Rettungsschi haben wir gekauft. Wir machen das nicht, weil wir so gute Menschen sind. Wir machen das, weil wir Jesus nachfolgen und weil wir ihn finden wollen in unserer Welt.
Jesus nachfolgen, das geht, aber er ist halt schnell und scheu wie ein Fuchs. Er ist so leicht und frei wie ein Vogel. Die Kinder haben das gesehen und das will ich auch sehen. Trotz meinem festem Gehalt und fester Wohnung. Trotz meines Lebens, aus dem ich genauso wenig hinauskann wie die Kinder während des Unterrichts auf den Hof. Aber ich möchte Jesus nachfolgen und ihn sehen. Meine Augen können ihn sehen, wenn sich mein Kopf dem zuwendet, wo ich meistens wegschaue, oder blind bin. Wo ich etwas von seiner Kraft brauche, weil ich gelähmt bin.
Aber ja, der Preis ist hoch. Denn wir müssen manchmal dorthin gehen, wo Menschen ihre Väter oder ihre Ehemänner begraben, die der Krieg zerfetzt hat. Wir müssen uns auch verabschieden von den Sicherheiten einer Familie – nicht von den Beziehungen, sondern von so manchen Sicherheitsbedürfnissen, die wir in unserer Welt so aufbauen. Jenseits all dessen werden wir Jesus finden. Das Reich Gottes ist nicht in dem Bekannten, auf das wir zurückschauen, nicht in den guten alten Zeiten, auf die wir voller Stolz und Freude blicken. Das Reich Gottes findet sich ganz in der Gegenwart. Ebendort wo der Pflug die Erde umwirft. Um dafür ein Auge zu haben, braucht es einen klaren Blick und Augen, die das Reich Gottes hier auf der Erde entdecken.
Amen
Mit herzlichem Dank an Kathrin Oxen, Stefan Günther
