
Predigt über Jeremia 31,31-34
Im Dazwischen Gott vertrauen
Dass alles sich ändern muss, sagen viele Menschen in diesen Tagen. Dass so vieles schief läuft in unserem Land, in unserer Welt, ist der Grundton vieler Gespräche über unser Zusammenleben und die Zukunft, in der wir leben wollen. Der Predigttext heute, wir haben ihn vorhin als Wort des Jeremia gehört, beginnt mit einer gewaltigen Ansage:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“
Alles neu, alles anders als davor, alles besser auf jeden Fall. Wie hören wir das?
Ich stelle ihn mir vor: Jeremia, einer der drei großen Propheten, steht auf dem Platz, wo früher der Tempel war. Einsam ist er geworden, einsam ist es um ihn herum, denn so viele seiner Landsleute leben nun dort, wohin die Babylonier sie verschleppt haben. Einsam kratzt er mit den Füßen im Sand und findet Reste der alten Torarolle. Seine Füße stoßen an eine Scherbe. Auf ihr steht ein großes hebräisches LO – nicht. Etliche der zehn Gebote beginnen damit: Du sollst dir kein Bild von Gott machen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen usw.
Das Allerheiligste liegt im Sand vergraben, beiseitegeschoben, als Jerusalem gefallen war. Auch die Hoffnung ist zusammengefallen wie ein Kartenhaus, dass Israel und nun auch Juda als Sieger hervorgehen. Dabei hatte er sie warnen wollen. Prophezeite dem wankelmütigen Herrscher Zedekia, auf Gegenwehr zu verzichten und nicht auf falsche militärische Bündnisse zu setzen. Doch sie hörten nicht auf ihn. Sie folgten den falschen Propheten und warfen Jeremia, den Störenfried, schließlich in eine Zisterne, eine Art Anlage zum Speichern des wertvollen Wassers. Man geht darin nicht zugrunde, aber man wird weggesperrt, mundtot gemacht. Schon da war er allein, allein mit seinem unermüdlichen Vertrauen zu Gott und alleingelassen von denen, mit denen er in diesem Tempel betete und seinem Gott mit Lob und Dank begegnete. Er sollte weg, weil er nicht das sagte, was sie hören wollen. Einen, der ihnen keine rosigen Zeiten versprach, brauchten sie nicht.
Im Nachhinein wissen sie es besser. Im Nachhinein erkennen sie, dass sie den falschen Beratern auf den Leim gegangen sind. Aus Winzermessern machten sie Speere und aus Pflugscharen Schwerter. Hätten sie es besser wissen müssen? Das ist die Frage, die die Menschen angesichts der großen Katastrophe, die ganz Juda ereilt hat, beschäftigt. Statt Fortschritt nun Felder, die nicht mehr bebaut werden. Statt Wohlstand nun leere Kassen und Armut und Hunger. Statt einer Ordnung, die vom Tempel ausgeht und in Gottes Gebot am Sinai gründet, nun eine Gesellschaft, die sich entsolidarisiert hat und in der das Recht des Stärkeren gilt.
Gott fehlt – an diesem Ort. Er ist ausgezogen aus dem Tempel, die Scherbe im Sand erinnert an das, was sie verloren haben. Sie erinnert auch daran, was sie miteinander verband, der Bund mit Gott für ein Leben in Freiheit. Lebensworte, die 10 Gebote, zerbrochen im Sand wie ein Glaube, der keine Früchte mehr trägt. Gott fehlt dem Propheten Jeremia und den Menschen, die dageblieben sind und sich neu einzurichten versuchen. Er fehlt auch denen, die an den Flüssen Babylons sitzen und weinen. Sie hören neu, auch auf den Propheten Jeremia. „Suchet der Stadt Bestes“ schreibt er in einem Brief an die Verbannten. „Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe und betet für sie zum Herrn, denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“
Es ist eine Art Vergangenheitsbewältigung, die wir hier heute zu verstehen versuchen. Eine Zäsur, eine Stille, Menschen, die Gott noch nicht vergessen haben und sich ihm wieder zuwenden und zu ihm beten: Höre doch! Schema adonaj! Höre Gott! Exaudi!
Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, dieses Gefühl kennen viele Menschen, auch wenn sie es nicht Gott nennen. Das Gefühl, irgendwie verloren in der Welt zu sein, nach einem Sinn im Sand zu stochern und die Scherben der Vergangenheit aufzuheben. Es gibt Zeiten im Leben, die sich so elend anfühlen, weil etwas unwiederbringlich verloren ist. Eine Beziehung, die scheitert, ein Gespräch, das nicht wieder aufgenommen wird. Etwas hat mit großen Gefühlen begonnen, doch nach einiger Zeit werden diese zur Einbahnstraße. Vielen kommt Gott so ungeheuer fern, so rätselhaft vor und sie entdecken erst in Krisen, dass es da eine Adresse gibt, der sie sich zuwenden können, die ihre Klage und ihre Sehnsucht nach einem Gegenüber aushält und mitträgt. Oft gibt es keine Worte dafür, aber Gesten und etwas mehr Mut und Kraft, um von dem eigenen Elend hinauszuschauen in den weiten Horizont, den die Bibel mit dem Bild des Himmels umschreibt.
In der größten Krise der ersten Gemeinde, als Jesus zu seinem Vater geht, entscheidet sich für sie, wem sie vertrauen. Der Sonntag heute steht genau auf dem Höhepunkt dieser Krise. Jesus ist weg und der Heilige Geist noch nicht ausgegossen in unsere Herzen.
So wie der Prophet Jeremia stehen wir als Bittende und auf Vergebung Angewiesene vor dem, der auch zu uns durch den Propheten sagt:
Siehe, ich will einen neuen Bund schließen, sagt Gott. Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit euren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen … sondern das soll der Bund sein: Ich will mein Gesetz in euer Herz geben und in euren Sinn schreiben, und ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein.
Ein neuer Bund. Neu, darauf kommt es an. Neu, denn der Bund erhebt sich aus dem Staub. Er wohnt in unserem Herzen. Er fließt in uns hinein, wenn wir Abendmahl feiern und auf die Worte vom neuen Bund hören und aus dem Kelch des Heils trinken. Gottes Verheißung kommt aus der Tiefe und nicht aus der Höhe. Sie weiß um unsere Schuld und um das, was Menschen einander antun können. In diesem neuen Bund werden sie alle erkennen vom Kleinsten bis zum Größten, spricht Gott, denn ich werde ihre Schuld vergeben.
Erkennen ist in der hebräischen Sprache eines meiner Lieblingsworte. Ein sehr häufig gebrauchtes Wort mit sehr unterschiedlichen Bedeutungsnuancen. Erkennen heißt nicht nur, ich habe etwas mit meinem Verstand begriffen und bin dadurch klüger geworden. Erkennen heißt u.a. auch, sich einem Menschen in Liebe zuwenden. Daher findet sich häufig die Formulierung, dass ein Mann seine Frau erkennt und sie wird schwanger. Ja, so wunderbar drückt diese Sprache aus, wie der Bund für neues Leben geschlossen wird. In Liebe, er wird geboren aus der Liebe Gottes zu mir, die sich abbildet in meiner Liebe zu Gott und meinem Nächsten. Wer liebt, wird alles dafür einsetzen, dass das Geliebte am Leben bleibt. Die Natur, die uns umgibt, die Hoffnung, die uns nicht verloren gehen darf. Neue Bündnisse für das Leben, die geschlossen werden, um der Furcht und der Niedergeschlagenheit etwas entgegenzusetzen.
Wenn ich am Himmelfahrtstag zum Gottesdienst an die Heimateiche in der Glücksburger Heide fahre, erlebe ich ganz nah die Lebens- und Liebesworte Gottes. Vor einigen Jahrzehnten stand dort durch die militärische Nutzung kein Baum mehr. Nur eine Eiche, die sich voller Widerstandkraft gegen den Zerfall wehrte. Bis heute steht sie dort und erinnert die, die vorbeigehen, dass das Leben und die Liebe stärker sind als Gewalt und militärische Macht. Das ganze Areal ist heute dicht bewachsen mit Bäumen und Sträuchern, die das, was war, kaum ahnen lassen. Wenn wir dort singen und beten und die frischen Blätter der Eiche vom Überleben erzählen, denke ich an Jeremia. Da ist so viel Licht und Trost inmitten von Angst und der Sehnsucht nach neuen, besseren Verhältnissen. Wir schauen auf die Scherben unserer Vergangenheit und teilen Brot und Wein zum Zeichen des neuen Bundes.
