
Predigt
Verabschiedung der Studienleitung
Schlosskirche zu Wittenberg, 26.04.2026
Bischof Dr. Christian Stäblein
Liebe Gemeinde, liebe Geschwister, verehrter Bischof Kopania, verehrte Direktorin Neumann-Becker, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Predigerseminar oder aus der Ausbildung, liebe gegenwärtige oder frühere Vikarinnen und Vikare, also Pfarrerinnen und Pfarrer, liebes Team hier – und natürlich – Verabschiedung von Dreien, von Ihnen Dreien: lieber Bruder Günther, lieber Bruder Fischer, liebe Schwester Zeidler, vom Himmel haben wir gerade gehört, der Himmel ist blau und Du sei schlau, das Leben liegt vor dir – Yeah – die Ärzte, fast genau so der Text und knapp daneben ist auch vorbei, aber himmelblau ist schon schön, der Himmel also, wer gestern Abend schon hier war, weiß, da haben wir auch schon über den Himmel gesprochen, über himmelweite Unterschiede und himmelweites Glück. Und heute? Geht der Blick mehr zur Erde, zur Schöpfung, zu dem, was dieser Himmel macht und aus uns macht. Zudem, was wir säen, wachsen sehen, ernten, verarbeiten, kultivieren, das, woran wir uns freuen, wenn es fließt und blüht, was unser Leben macht und ausmacht. Die Bibel kennt dafür ein Bild, das immer wieder kehrt: der Weinberg, der Weinstock. Obwohl es, was die Fruchtfolge angeht, ein Herbstbild ist – dann ist ja erst Weinlese und Ernte, vom Spätsommer angefangen. Aber was Du tun kannst und tun musst im Weinberg, das ist ja ganzjährig – und wir leben ja in einer Zeit, wo auch die Früchte ziemlich ganzjährig uns begleiten. Das war früher anders, aber ich genieße durchaus, dass man immer mal ein paar Weintrauben zum kleinen Snack zwischendurch vorfindet, zwischen dem Käse oder gerne auch bei Sitzungen oder Meetings, Sitzungen, etwas, was wir in der Kirche gerne machen, manchmal fürchtet man fast, wir täten wenig anderes – nun, zumindest ein Predigerseminar bewegt sich nicht nur im Sitzen und Weintrauben gibt’s da auch. Diese angenehme Süße, wenn Du in mal kleinere, mal größere Traubenfrucht beißt, die Frische, die sich dann entfaltet und der natürliche Zucker, der dadurch mit der Frucht in die Adern und ins Leben kommt – das ist Gottes Schöpfung und das ist das Leben und wenn man es teilt – und vielleicht gerade mal zu dritt oder viert so einen Teller Trauben wegmümmelt und dabei über Ausbildungsfragen nachdenkt oder Thesen für sich ausprobiert und dabei mal den Mund voll hat und jemand läuft versehentlich ein bisschen Traubensaft über das Kinn, weil man beim Essen ja nicht reden soll, aber es trotzdem tut – ja, im Weingarten des Lebens und im Weingarten Gottes. Leben, himmelblau.
Nun sind wir, liebe Geschwister, nicht auf dem havelländischen oder anhaltinischen Blütenfest und auch nicht auf dem Wein- und Winzerfest im nördlichsten, berühmten Weinanbaugebiet Saale-Unstrut, sondern bei dem, der sagt: Er ist der Weinstock. Und wir sind bei der Verabschiedung von drei Studienleitenden, eine Studienleiterin, zwei Studienleitern, am Predigerseminar in Wittenberg. Und einer der Kurse ist auch fertig – also hier, das letzte Mal, was die Ausbildungswochen angeht. Ein Abschiedsfest – was sind da die Früchte, wir reden ja über andere als Weintrauben, wir reden über Gottes Weinstock, wir spazieren durch dieses Bild und finden anderes darin, andere Früchte. Eine Frucht in Ausbildungszusammenhängen etwa ist oder kann ein Satz sein, der Dir nachgeht. Immer wieder. Den Du mal vergisst. Und der dann irgendwie wieder hochkommt. Der sich so vertieft. Über Erinnern, Vergessen. Und wieder tun, eben im Bleiben bei Jesus, in ihm, zu ihm. – Cor ad altare. Einer meiner Studienleiter, der, bei dem ich die erste Ausbildungswoche in Liturgik und Kasualien hatte, das war Fritz Baltruweit, der Liederdichter, Komponist, Mann mit Gitarre, Gott gab uns Atem, Vertrauen wagen, Fürchte dich nicht – also Fritz Baltruweit hatte neben der Kunst einen Brotberuf, Pfarrer, Studienleiter, Liturgik, Lehrbücher, Lehrpraxis – Herr Stäblein, sagte er, cor ad altare, Latein, klar: Herz zum Altar, meint: Wenn Du Dich am Altar drehst, umdrehst, machst Du es so, dass die Herzseite sich nie ganz abwendet vom Altar, also mit dem Uhrzeigersinn hin, gegen den Uhrzeigersinn zurück – oder war es andersherum – ach, ich komme immer durcheinander, manchmal stehe ich eine Sekunde da und ruckele mich und denke: So? Oder so? Cor ad altare, Herz zum Altar. Die Weitergabe dieser alten Regel, die Fritz Baltruweit sich natürlich nicht ausgedacht hatte, aber er, seine Stimme und sein Üben mit ihm und auch das darüber diskutieren ist die lebendige Stimme des Studienleiters in meinem Leben, die Weitergabe dieser alten Regel mit allem, was an Reflexion dazu gehört, ist eine Frucht, eine Traube von unzählig vielen. Jetzt mag das mancher für einen Spleen halten, ich meine: Was bewegt schon wen auf dieser Welt und im Weinstock des Herrn, ob ich mich oder Sie sich da vorne jetzt so rum oder so rum gedreht haben – ist das mehr als der berühmte Sack Reis, der in ich weiß nicht wo umfällt oder irgendein Weinfass in Abbruzien, na, Sie wissen schon. Naja. Die gottesdienstliche Regel cor ad altare hat natürlich Leitwirkung fürs Leben, für den ganzen Beruf, für das, worum es geht und worum es überhaupt geht, auch bei Johannes im Evangelium: Die Herzseite nicht von Gott abwenden. Das Herz überhaupt nicht von Gott abwenden. Vielleicht kann ich eigentlich doch nicht kürzer beschreiben, was christliche Existenz meint. Am Weinstock bleiben. Wie ich mich drehe oder wende oder gerade Sonne vermute oder Mainstream oder sowas. Immer die Herzseite zu Gott drehen. In dieser Gesellschaft, in einer Gemeinschaft, im ganzen Welthaus: Ökumene. Die Herzseite nicht von Gott abwenden – wenn Armut und soziale Spannung uns zerreißt, wenn uns Empörung entgegenschlägt und Wut und Hass Bahnen fressen und brechen, wie Du dich auch drehst und wendest im Leben, im Beruf, in der Aufgabe. Oder – so wird es ja von Jesus eindringlich im Weinstock-Bild von Jesus gesagt, fast könnte man mit Blick auf Himmel und Erde sagen: es wird eingebläut: Bleib drin in der Verbindung zu Jesus. Ach, das ist ja das Schöne an so einem Schöpfungs- und Naturbild: Es ist alles ganz selbstverständlich, natürlich, ein Fließen von Bleiben von Weingärtner über Weinstock über Rebe – das sind wir – bis zur Frucht, alles ein Fluss und unsere evangelischen Fragen, wer macht jetzt was und wer darf was oder muss was machen oder kann gar nichts machen, damit die Gottesbeziehung gelingt, ist das nun alles passiv oder gibt es ein aktiv, droht da aber dann ein Werk, zu dem der Glaube gemacht wird, aber nicht gemacht werden darf, weil doch nur die Gnade des Glaubens sein kann und die guten Werke doch allemal von selbst und aus sich kommen, also das ist das Tolle an diesem Schöpfungsbild wie an allen Naturbildern in der Bibel: Sie hebeln Dir diese Frage weg, es ist alles selbstverständlich, versteht sich von selbst oder versteht sich eben sowieso nicht, weil, kannst Du ja nicht reingucken, wie das mit dem Wachsen in den Reben am Weinstock am Ende wirklich ist, ist ein Naturbild und mit den falschen Fragen kriegst du es schnell kaputt, aber musst du nicht: Die Traube schmeckt auch einfach, während du drüber nachsinnst und diskutierst: Die Herzseite nicht von Gott abwenden. Dafür die Reben putzen, reinigen, für gute Durchfrischung sorgen – selber, es ist gesorgt, wenn du dran, wenn du drin bleibst.
Liebe Studienleiterinnen und Studienleiter, liebe frühere und jetzige Vikarinnen und Vikare, es ist ein Glück und eine Mühe mit den Naturbildern in der Bibel und ihrer Analogie für Ausbildung, nicht wahr? Man will so viel machen, wir wollen so viel machen, x-mal stellst Du die Konzepte um, die Studienwochen, dieses Mal kein Feedback an der, sondern an der Stelle, und den Impuls noch mal neu geschrieben und da mehr Zeit für Debatte gelassen und da dieses Mal ein Tag für eigene Erkundungen und Experimente – aber wieder denkst du hinterher, für den oder für die wäre es besser anders gewesen oder vielleicht auch nicht. Kompliziert und komplex ist es schon im Weingarten Gottes mit Namen Predigerseminar, oh ja. Und dann wächst doch so viel aus sich selbst. Aber ohne all die Überlegungen und Dein Tun wäre es auch nicht gewesen. Und wenn alles schief geht, fragst Du dich, was hast du versäumt. Und wenn alles gelingt, denkst du: Wat sind wir für ein gutes Seminar. Oder denkst: Aber mit mir hatte es nicht so viel zu tun, schien mir. Oder doch? Vermutlich immer beides. Und Du willst ja so viel machen und konzipieren, und jetzt machen wir endlich wieder neu und anders – und ich sage: Ja, da darf man nicht mit aufhören, der Weinstock und Weingarten Ausbildung lebt davon, dass man neue Ideen hat und neu anpasst und den blauen Himmel über drei oder vier oder eben drei Kirchen noch mal richtig nutzt in der Vielfalt und Pracht – und trotzdem stehst Du wieder vor dem Naturbild und denkst: Aber wie das mit dem Wachsen genau funktioniert, das steht da nicht, nur die Bedingungen drum herum und dass es sich von selbst versteht.
Nun, weil Abschied und Verabschiedung ist, halten wir ein paar Dinge lieber gut fest: Der Weinberg und Weinstock meint nicht eins zu eins den Ausbildungszusammenhang und die organisationalen Beifänge – manchmal muss man auch das vermitteln und aussprechen, dass Gelingen oder Können in einem Beruf oder für diesen Beruf Pfarrer/in nicht darüber urteilt, ob wir am Leib Christi und in seinem Weingarten, ob wir da Kind Gottes sind. Das ist davon unberührt, ist keine Frage der Kompetenz oder Klugheit. Manchmal muss man das erinnern - und zweitens ist der Weinstock und der Weingarten so groß, dass man gar nicht mehr weiß, wie viele gute Sätze da gesagt und aufgenommen worden – und nicht nur Sätze. Projekte, Regeln, Debatten, Erkundungen, Gebete, Predigten, Gesänge, Gespräche, Spiele, Vorträge, Ansagen, Spaziergänge und was da später alles hochploppt. Das ist alles in all den Ansprüchen, die wir so haben an Lehr-Lern-Zusammenhänge unerbittlich, irgendwie, und barmherzig zugleich in aller Freiheit – und letzteres wünsche ich Ihnen und sich: barmherzig mit sich selbst, was Gelingen und auch mal Verfehlen angeht, cor ad altare, nicht ad perfektionem, sondern so, dass die Herzseite des Lebens und Gottes Seite bleiben und dann erzählen manche noch 10, 20 oder so wie ich heute 30 Jahre, fast 30 Jahre später von dem, was da ein Studienleiter, eine Studienleiterin mal gesagt hat. Mal ist es klug und mal hat man sich womöglich drüber geärgert – was hat der Baltruweit zwischendurch auch für Zeug erzählt, aber dann hilft es auch, Ärger bringt kräftig vorwärts in mir und zu mir. Und schließlich: Es geht in all dem ja nicht um uns, sondern dass wir uns für die Menschen an eben diesen Dingen auch für sie abarbeiten. Damit wir spüren und erleben, wie aus Unfreiheit Freiheit wird und wie ich aus Schicksal und Ohnmacht Gott heraushöre und von ihm herausgebracht werde, die Ewige, die alles wendet und wie aus Empörung über so viel mickrige Trauben Zustimmung zu richtig gutem Rosinenfutter wird. Überhaupt: die Rosinen. Studienleitung am Predigerseminar – ich fand, es gehört zu den Rosinen kirchlicher Dienste, nicht immer, klar, aber schon nicht schlecht, hoffe ich.
Rosinen – kamen jetzt nicht wirklich im Bibeltext vor. Ich bin die Rosine, ihr der Kuchen. Das ist nicht mal ein apokryphes Jesuswort. Er ist der Weinstock, wir die Reben. Die Reben. Nicht die Früchte. Für die wollen, können, werden, dürfen wir sorgen, Sorge tragen. Und wo das möglich ist, möglich geworden ist im Leben, dafür danken. Dafür sind wir heute hier – im Dank für die Dienste, den Dienst in der Studienleitung, das fällt ja auch zusammen mit dem mittelgroßen Wechsel, das haben wir gestern schon begangen, die Wege, die sich trennen und die neuen, die sich finden, Dank da- für und schau: himmelblau auch heute, so habt ihr uns eingestimmt mit den Ärzten vorweg. Abschied – Studienleitungen sind darin geübt, Vikarinnen und Vikare auch, weil ist ja ständig hier: kommen und gehen, Ausbildung ist Durchgang, klar, Weinlese ist auch jedes Jahr, gibt immer neue Jahrgänge, und, bevor das Bild jetzt wieder falsch ausschlägt, hier gibt es nur gute Jahrgänge: der 2015er, und der 2025, und der 2026er jetzt und der 2028 wird auch gut, unterschiedlich, aber gut, oder besser: unterschiedlich und deshalb gut. Also danken dafür und danken Gott, was die Ewige dazu getan hat, dazu und irgendwie alles und das genau kriegen wir ja mit dem Naturbild nicht richtig ganz auseinander gedröselt. Also danken wir am Ende, dass wir Reben sein können, Mittelstücke, darin gelehrig und zum Glück gebildet, ziemlich gut ausgebildet hier, oh ja, nicht nur mittelmäßig, wirklich nicht, deshalb gute Mittlerinnen und Mittler, nicht der Weinstock selbst eben, Mitteldings, aber doch nicht, auch wenn das so heißt seit der Reformation: Adiaphora – die Mitteldinge – sind halt wichtig, nur nicht heilsentscheidend, aber, ach, andere Geschichte. Danken Ihnen, allen und Ihnen dreien heute besonders.
Und nun? Verstoße ich gegen eine Regel, die ich oft genug am Predigerseminar weitergegeben habe: Du sollst nicht kurz vor dem Ende einer Predigt fundamentale Schwierigkeiten bedenken. Ist einfach zu spät. Und wieder: Gilt ja nicht nur für Predigten, gilt ja fürs Leben. Kommst du da einfach zu spät kurz vor Schluss mit fundamentalen Fragen? Oder eben doch gerade da? Weil willst Du nicht sterben, ohne dass das geklärt ist? Dann lieber noch am Ende taufen? Also worum geht es? Ich denke, mancher wird sagen: Der schwierigen Stelle der Weinstockworte von Jesus bin ich ausgewichen. Was ist mit den Reben, die keine Frucht bringen. Gereinigt. Und trotzdem, weil kam nix, abgehauen, ins Feuer geworfen. Bleiben bei Jesus und Jesus bei mir, hieß es doch. Und was ist nun damit? Jetzt versteht Ihr, damit kannst Du doch nicht kommen, wenn die Predigt eigentlich rum ist. Aber Du kannst doch auch nicht aufhören ohne. Ein Satz nur: Die Welt kennt viele Tage im Moment, bei denen viele Menschen hoffen dürften, dass die Tage des Schmerzes und des Fehlens Jesu so sind, dass die Zeit einfach nicht bleibt vor Gott, lieber verbrannt dann, die Schuld dafür weggenommen und weggeworfen. Und das vergisst die Welt und dein Leben nicht und Gott vergisst das auch nicht. Aber vergibt es. Echt. Und macht eben aus diesen verdorrten Trauben Rosinen. Ist hier bestimmt auch so: Wenn die Trauben vom Tisch, kommen die Rosinen drauf, wenn die Sitzung lang, inmitten der anderen Nüsse. Aber halt: bevor die Predigt zu lang und Sie nach was zu essen in den Taschen suchen, sei Schluss. Genug Rosinen aus Gottes Worten gepickt. Danke, Gott, für die Frucht der Erde, die Früchte des Weinstockes, das Blau des Himmels, die Gemeinschaft, für alle, die bei Dir bleiben und für Dein Bleiben. Und dass Du mitgehst, immer wieder und wohin es uns führt, ob wir wollten oder nicht. Du bist da. Dir sei Dank und Ehre in allem. Amen.
