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Predigten

030722 kopf

Angst verliert – Vertrauen gewinnt

Predigt zu Matthäus 25, 14-30

für SG und MG

 14»Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Vorher rief er seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. 15Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste der Mann ab.

16Der Diener, der fünf Talente bekommen hatte, fing sofort an, mit dem Geld zu wirtschaften. Dabei gewann er noch einmal fünf Talente dazu. 17Genauso machte es der mit den zwei Talenten. Er gewann noch einmal zwei Talente dazu. 18Aber der Diener, der das eine Talent bekommen hatte, ging hin und grub ein Loch in die Erde. Dort versteckte er das Geld seines Herrn.

19Nach langer Zeit kam der Herr der drei Diener zurück und wollte mit ihnen abrechnen. 20Zuerst kam der Diener, der fünf Talente bekommen hatte. Er brachte die zusätzlichen fünf Talente mit und sagte: ›Herr, fünf Talente hast du mir gegeben. Sieh doch, ich habe noch einmal fünf dazugewonnen.‹ 21Sein Herr sagte zu ihm: ›Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein!‹ 22Dann kam der Diener, der zwei Talente bekommen hatte. Er sagte: ›Herr, zwei Talente hast du mir gegeben. Sieh doch, ich habe noch einmal zwei dazugewonnen.‹ 23Da sagte sein Herr zu ihm: ›Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein.‹ 24Zum Schluss kam auch der Diener, der ein Talent bekommen hatte. Er sagte: ›Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. 25Deshalb hatte ich Angst. Ich ging mit dem Geld weg und versteckte dein Talent in der Erde. Sieh doch, hier hast du dein Geld zurück!‹ 26Sein Herr antwortete ihm: ›Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nichts ausgeteilt habe! 27Dann hättest du mein Geld zur Bank bringen sollen. So hätte ich es bei meiner Rückkehr wenigstens mit Zinsen zurückbekommen. 28Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! 29Denn wer etwas hat, dem wird noch viel mehr gegeben – er wird mehr als genug bekommen. Doch wer nichts hat, dem wird auch das noch weggenommen, was er hat. 30Werft diesen nichtsnützigen Diener hinaus in die Finsternis draußen. Dort gibt es nur Heulen und Zähneklappern!‹«

Frau Müller, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, fährt zum ersten Mal seit Jahren für zwei Wochen zu einer Weiterbildung, und damit es zu Hause weiterläuft verteilt sie die Aufgaben an ihre Töchter:

Sophia, die älteste, soll über das Budget wachen und einkaufen.

Emma soll kochen. 

Mia soll sich, um die Wäsche kümmern.

Und klein Nele, soll jeden Tag zum Briefkasten gehen und Zeitung und die Post hochholen. 

Sophia und Emma sind stolz auf das Vertrauen, was ihnen ihre Mutter entgegen bringt und stürzten sich mit Feuereifer in ihre Aufgaben. Emma entwarf ausgefeilte Pläne für die Mahlzeiten. Sophia kaufte entsprechend ein und achte mehr als ihre Mutter darauf, dass alle Produkte ein Bio-Label hatten. 

Mia allerdings hatte Angst die Wäschestücke falsch einzusortieren. Ihre Mutter hatte immer verschiedene Stapel gemacht, sortiert nach Kochwäsche und Farbwäsche und sortiert nach Farben. Da war sie immer unsicher und hatte Angst, etwas falsch zu machen. Sie rührte den Wäschekorb lieber nicht an. 

Und Nele? Sie war stolz sogar als jüngste eine Aufgabe bekommen zu haben, aber um den Briefkasten zu leeren, musste man mehrere Stockwerke allein durchs Treppenhaus gehen. Vorbei an der Wohnung mit dem Hund, der immer gerade dann, als sie vorbeilief, von innen an der Tür kratze und knurrte. Nele hatte den Hund noch nie gesehen, aber in ihrer Vorstellung war er riesig, mit gefletschten Zähnen. Sie hatte einfach Angst davor, allein an dieser Tür vorbeizulaufen. Und ihre Schwestern wollte sie auch nicht um Hilfe bitten, also blieb der Briefkasten ungeleert. 

Und als die Mutter zurückkommt, was meinen Sie, was dann passiert? Denken Sie doch bitte kurz über diese Frage nach und tauschen sich mit ihrem Nachbarn eine Minute aus. Wenn Sie die Mutter wären, wie würden sie reagieren?

Liebe Gemeinde,

unsere biblische Geschichte finde ich herausfordernd. Ich frage mich: wo bleibt der Zuspruch, für den, der nicht erfolgreich war. Und zum anderen wittere ich hinter diesem Gleichnis irgendwie Werkgerechtigkeit. Ich muss meine Talente einsetzen, damit ich von dem Herrn des Lebens gelobt werde. Beides stößt in mir unangenehm auf. 

Und so frage ich mich, wie die Geschichte wohl ausgehen würde, käme der erste Diener zur Abrechnung und sagte: “In einem instabilen Marktumfeld bin ich mit meinem Investment in schwierige Fahrwasser geraten. Durch gravierende Abweichungen von den erwarteten Rahmenbedingungen kam es zu einem globalen Versagen der Märkte. Die gebotene Gewinnwarnung konnte aufgrund deiner Abwesenheit nicht rechtzeitig kommuniziert werden. Inzwischen hat es sogar einen Totalverlust gegeben. Von deinem Kapital wirst du nichts mehr zurückerhalten.”

Und dann käme der zweite: “Die konjunkturelle Vollbremsung im letzten halben Jahr gab mir nur limitierte Korrekturchancen. Sie zwang mich nicht nur zu einer Kappung meiner Gewinnerwartungen, sondern auch zu einer Restrukturierung deines Vermögens. Ein halbes Talent von deinen beiden Talenten konnte ich retten. Es hätte schlimmer kommen können. Hier hast du dein halbes Talent.”

Und der dritte: “Ich wusste, dass du ein harter Herr bist. Deshalb hatte ich Angst und versteckte dein Talent in der Erde. Hier hast du dein gesamtes Geld zurück.” Ein Talent Silber erhalten und dieses Talent vollständig zurückgegeben. Nicht so wie die andern! Wäre er jetzt der Gewinner? Wäre er jetzt der gute und getreue und vor allem: der erfolgreiche Knecht? Hätte er jetzt die Intentionen seines Herrn besser getroffen als in der Erzählung des Matthäus?

Ich glaube kaum, denn so kann dieses Gleichnis nicht funktionieren. Es ist eben kein Lehrstück von der kapitalistischen Gier. Die Ebene der Geschäftsbeziehungen ist nur ein alltägliches Bild für die Ebene, um die es wirklich geht: die persönliche Beziehung zwischen dem Herrn und seinen Dienern, zwischen uns und unserem Gott.

Es nicht geringes finanzielles Geschick, nicht sein Drang, auf keinen Fall einen Fehler zu begehen, was den dritten Knecht von den anderen trennt. Es ist seine Angst, denn er wusste, dass „sein Herr ein harter Mann ist“. Seine Angst vor dem Herrn und vor dem Leben, in dem immer etwas schief geht, isoliert ihn. Deshalb geht er nicht “sogleich” mit den anderen los, sondern huscht spät in die Nacht hinaus. Deshalb sucht er keine Partner, sondern die Einsamkeit seines Verstecks. Deshalb schleicht er mit seinem Talent in der Finsternis davon, begräbt, was die anderen zum Wachsen und Blühen bringen werden. Es ist seine Angst vor dem Herrn und seine Angst vor dem Leben, die ihn isoliert und ironischerweise steht er am Ende da, wo er schon vorher war: In der Finsternis, mit klappernden Zähnen und tränenden Augen bleibt er gefangen in den Symptomen seiner Angst. Die Angst lähmt, das Leben zu wagen. 

Es ist eine ganz alltägliche Situation, die uns Matthäus erzählt. Menschen erhalten den Auftrag, mit anderer Leute Geld zu arbeiten. Das tun unsere Sparkassen und Banken, unsere Lebensversicherungen und das tut auch der Gemeinderücklagenfond, bei dem die Rücklagen unserer Kirchengemeinde liegen. Es ist normal, dass diese Institutionen mit großen Summen wirtschaften. Wir geben heute wie damals unser Geld mit einen Vertrauensvorschuss. Der Herr traut ihnen zu, dass sie das richtige mit dem Geld tun. Und die großen Summen, die Matthäus nennt, ein Talent war schließlich ein halber Jahreslohn, illustriert die Größe des Vertrauens, das die Diener genießen.

Vor ihren erfolgreichen Geschäften steht das große Vertrauen des Herrn, dass die Diener schon irgendwie das richtige machen werden. Die beiden ersten erspüren seine Kraft, sie lassen es in ihrem Leben wirken. Es macht sie frei, das Richtige zu tun, es lässt sie selbstbewusst werden, es lässt sie an ihrer Aufgabe wachsen. Dieser Vertrauensvorschuss gibt ihnen einen inneren Kompass, dem sie folgen, ihre Zeit nutzen und der sie schließlich an ihr Ziel führt: “Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein.”

Das Wort “treu”, heißt im griechischen “pistos”. Im Griechischen klingt in diesem “treu”, das Wort für “glauben”, für “vertrauen” mit. “Glaube” und “Vertrauen” - es sind so etwas wie die Code-Worte, mit denen Christen ihr Verhältnis zu Gott bezeichnen. Sie haben keine Angst vor dem Neid ihres Gottes und sie wissen auch: “Dieser Gott gibt mehr als wir ihm je zurückgeben können.” Diese innere Gewissheit stärkt und nimmt Angst. “Die Liebe kennt keine Angst“ - das gilt wohl vor allem für die Liebe Gottes.

Uns sind viele Talente mit auf den Weg gegeben. Wie die Diener in der Geschichte haben auch wir unseren Vertrauensvorschuss von Gott für unseren Lebensweg bekommen. Er traut uns etwas zu. Sein Vertrauen kann uns heute motivieren, unsere vergrabenen Talente wie eine Schatzkiste neu zu entdecken, sie zu heben, uns an unseren Funden zu freuen und sie uns anzueignen. Und damit zu rechnen, dass wir an unserem Ort mit den bekannten und den wiederentdeckten Talenten das Richtige tun werden. Er vollbringt das Wunder und macht aus wenigem viel. 

Und die Mutter? Sie haben sich ja schon Ihre Version der Geschichte erzählt. Darf ich ihnen meine noch erzählen? 

Sie hat alle ihre Kinder mit Freude und Liebe in den Arm genommen. Sophia gab sie Geld für einen Einkauf nur für sich. Emma gab sie ihr Lieblingsessen, was nur von Muttern so richtig gut schmeckt. Mia sagte sie: keine Angst vor Fehlern beim Wäsche sortieren. Es sind nur Kleider und sortierte mit ihr den riesen Berg Wäsche. Und mit Nele besuchte sie die Leute mit dem Hund. Er war ganz verrückt darauf, mit Nele draußen rumzutollen. Amen