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Predigten

 111026kopf

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.“

Liebe Gemeinde,

was würde sich eigentlich verändern, wenn wir ganz sicher wüssten: „Den Himmel gibt es wirklich.“

Nicht als Hoffnung. Nicht als Glaubenssatz. Nicht als etwas, das wir sonntags im Glaubensbekenntnis sprechen. Sondern wirklich.

Wenn wir wüssten: Der Tod ist nicht das Ende. Gott ist da. Unsere Verstorbenen sind nicht einfach verschwunden. Gebet ist nicht nur ein Selbstgespräch. Und die Wirklichkeit ist größer als das, was wir sehen können.

Was würde das mit uns machen? Würden wir anders leben? Anders lieben? Anders leben? Würden wir sogar anders sterben?

Ich habe Ihnen eine Geschichte mitgebracht von einer Familie: Vater Todd Burpo als Pfarrer. Sonja - seine Ehefrau und die Kinder Cassie und Colton. Sie leben in einer Kleinstadt und leben ihren Alltag.

Todd predigt Sonntag für Sonntag über Gott und die Welt, über das Beten, über Auferstehung, über den Himmel.  Aber dann wird sein kleiner Sohn Colton schwer krank. Der Blinddarm ist geplatzt. Eine Notoperation. Es sieht zeitweise schlecht aus. Und plötzlich ist Todd nicht mehr der Pfarrer, der anderen erklärt, was Glauben bedeutet. Jetzt ist er Vater. Ein Vater, der Angst hat, der nicht weiß, ob sein Kind überleben wird.

Während Colton operiert wird, betet er. Und dieses Gebet ist offenbar kein schön formuliertes Gebet. Todd ist verzweifelt. Wütend. Er ringt mit Gott.

Zur gleichen Zeit beten andere. Menschen aus seiner Gemeinde. Es entstehen Gebetsketten. Die Gemeinde trägt dieses Kind und diese Familie im Gebet. Sie kommen zusammen und beten für Colton.

Als ich das gelesen habe, erinnere ich mich an den Jakobusbrief: „Leidet jemand unter euch? Dann soll er beten! “ „Wenn jemand von euch krank ist, soll er die Gemeindeleiter zu sich rufen, damit sie für ihn beten.“ Und: „Wenn sie im festen Vertrauen beten, wird der Herr den Kranken heilen.“ Jakobus beschreibt den Glauben nicht zuerst als Theorie. Er beschreibt Glauben als Praxis.

Wenn einer leidet: Bete.

Wenn einer krank ist: Bleib nicht allein. Ruf andere. Lasst euch zusammen tragen. Lasst die Angst nicht nur im Krankenzimmer eingeschlossen sein. Bringt sie vor Gott.

Vielleicht ist genau DAS eine der großen Kräfte des Gebets: Dass Leid nicht mehr nur mein Leid bleibt. Dass Angst geteilt wird. Dass Menschen sagen: Wir können dein Kind nicht gesund machen. Wir können nicht versprechen, wie diese Nacht ausgeht. Aber wir lassen dich nicht allein. Wir tragen mit. Wir hoffen mit. Wir beten mit.

Und Sohn Colton? Er überlebt. Hier könnte ich schon sagen: Das ist ein Wunder! Unfassbar! Aber .. die eigentliche Geschichte beginnt erst danach. Denn als der Alltag in der Familie Burpo wieder eingetreten war, beginnt Sohn Colton zu erzählen, was er in der Zeit der Operation alles erlebt hat. Er spricht davon, dass er im Himmel war. Er spricht davon, dass er Jesus getroffen hat. Er erzählt seinem Vater davon, dessen Großvater gesehen zu haben, der lange vor Coltons Geburt verstorben war.

Und jetzt passiert etwas Merkwürdiges. Todd freut sich nicht einfach. Todd sagt nicht: Ja natürlich! Genau das predige ich doch immer! Im Gegenteil. Er erstarrt. Er zweifelt. Er fällt rückwärts in seinen Schreibtischstuhl und reibt sich seine Stirn. Kann das war sein? Was passiert hier gerade?

Sonja ist wütend, macht ihrem Ehemann Vorwürfe, dass er aufhören soll, ständig mit Colton über den Himmel zu erzählen. Er soll es als Kindereien abtun, bis … Colton ihr von seiner Schwester erzählt, lange rote Haare, „sie sieht aus wie du Mama." Er traf sie auch im Himmel. Von ihr konnte er eigentlich nichts wissen – Sonja hatte sie vor der Zeit verloren und nie davon erzählt.

Sonja riss die Augen auf, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie hält sich den Mund zu… Ihre Gedanken schwirren…Kann das denn wahr sein?? 

Und plötzlich verändert sich etwas. Es macht alles irgendwie nicht einfacher… aber irgendwie öffnet sich auch etwas… Klar, theoretisch haben wir das alles gehört… Theoretisch ist das alles gut verdaulich…

Der Himmel im Glaubensbekenntnis oder in der Predigt: Kein Problem. Aber dann sitzt ein vierjähriges Kind am Küchentisch und sagt: Ich war dort. Und auf einmal wird aus theoretischer Theologie eine Wirklichkeit. Mitten im Alltag, mitten im Hier und Jetzt geht der Himmel auf und zeigt sich. Und während er sich zeigt, türmen sich schon die Fragen bis hoch unter die Decke..

Wie ein kleiner Yogi-Meister sitzt der 4 Jährige Colton mittlerweile auf dem Fussboden im Wohnzimmer und spielt mit seinen Superhelden, während seine Eltern immer wieder fragend um ihn herum tanzen und immer wieder neu mit prüfenden Fragen auf ihn zugehen, wieder ihres Weges gehen und sich prüfend fragen und sich mit seinen Antworten auseinander setzen. Prüfend, zweifelnd, … kommen wieder zurück, fragen erneut, fragen noch einmal nach, … schütteln den Kopf, sind wieder verwirrt und gehen wieder von dannen, während er immer noch da sitzt und mit seinen Figuren seelenruhig spielt…

Die Bibel kennt das. Glaube und Zweifel liegen erstaunlich oft dicht beieinander. Menschen begegnen Gott und fragen trotzdem. Menschen erleben etwas und verstehen es trotzdem nicht. Die Jünger sehen den Auferstandenen – und einige zweifeln.

Thomas will berühren und kann nur so begreifen. Jakob ringt eine ganze Nacht. Mose diskutiert mit Gott. Ich denke, Zweifel ist nicht das Ende des Glaubens. Ich habe den Eindruck, Zweifel ist eher das Geräusch, das entsteht, wenn unser bisheriges Weltbild größer werden muss.

Und hier kommt für mich der Epheserbrief ins Spiel. „Ihr sollt euer altes Leben wie alte Kleider ablegen.“

Und: „Lasst euch in eurem Denken verändern und euch innerlich ganz neu ausrichten.“ Der Text spricht nicht unmittelbar über Zweifel. Aber er spricht über Veränderung. Über einen Menschen, der nicht einfach derselbe bleibt. Über Denkweisen, Verhaltensweisen, Worte und Haltungen, die sich verwandeln. „Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit.“ „Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt.“ „Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht.“ Und schließlich: „Seid vielmehr freundlich und barmherzig und vergebt einander“

Paulus beschreibt Glauben als etwas, das den Menschen verändert. Nicht nur seine Meinung über Gott. Sondern sein ganzes Denken, Sprechen, Seine Beziehungen, Seine Art, mit Konflikten umzugehen. Und genau das geschieht auch in der Geschichte von Todd und Colton. Denn nicht nur Todd und Sonja zweifeln und ringen mit dem, was ihnen begegnet…

Als Todd beginnt, sich langsam einigen Menschen in der Gemeinde anzuvertrauen und von Coltons Erlebnissen zu erzählen, reagieren auch diese Menschen skeptisch. Und auch hier beginnt genau dieser Zyklus des Zweifelns erneut. Sie können es nicht glauben, sind irritiert. Manche zweifeln sogar an ihrem Pastor.

Wie würde ICH reagieren, wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand erzählt: Mein Kind hat den Himmel gesehen? Sie dürfen fragen. Dürfen zweifeln und dürfen kritisch sein. Glaube verlangt nicht, den Verstand auszuschalten.

Aber dann stellt sich eine andere Frage: „Wie zweifeln wir?“ Wie begegnen wir jemandem, dessen Erfahrung nicht in unsere eigenen Kategorien passt? Werden wir hart? Spöttisch? Abwertend? Oder lassen wir Raum? „Erneuert euch in eurem Geist und Sinn.“ Vielleicht bedeutet das auch: Ich muss nicht sofort wissen, was ich von allem halte. Ich darf zuhören, prüfen und auch widersprechen. Aber ich darf auch offenbleiben für die Möglichkeit, dass meine Wirklichkeit größer ist, als ich bisher dachte.

Schauen wir kurz in den Mosetext vom Anfang des Gottesdienstes. Mose, Dreitausend Jahre zurück. Auch diese Geschichte beginnt übrigens nicht in einer heilen Welt. Sie spielt unmittelbar nach einer Katastrophe. Israel hatte sich das goldene Kalb gebaut. Der Bund mit Gott war zerbrochen. Mose hatte die ersten Tafeln zerschmettert. Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk stand auf der Kippe. Und nun steigt Mose erneut auf den Berg. Mit zwei neuen Steintafeln. Und Gott offenbart sich ihm. „Ich bin der Herr, der barmherzige und gnädige Gott. Meine Geduld ist groß, meine Liebe und Treue kennen kein Ende!“

Und dann sagt Gott: „Ich verspreche dir: Ich werde noch einmal einen Bund mit euch schließen. Vor den Augen deines ganzen Volkes will ich Wunder vollbringen, wie sie bisher bei keinem Volk auf der Welt geschehen sind. Wenn die Israeliten sehen, was ich mit dir tue, werden sie große Ehrfurcht vor mir haben!“

Wunder.

Das ist ein schwieriges Wort. Denn wir wissen: Nicht jede Krankheit endet wie bei Colton. Nicht jedes Gebet führt dazu, dass jemand gesund nach Hause kommt. Wir alle kennen andere Geschichten. Menschen, für die genauso intensiv gebetet wurde. Kinder. Eltern. Partnerinnen und Partner. Und trotzdem kam das Ende.

Deshalb dürfen wir aus Jakobus und aus der Geschichte Coltons keine Formel machen: Wenn nur genug Menschen beten, geschieht das Wunder. So funktioniert Gott nicht. Gebet ist kein Automat. Glaube ist kein Vertrag. Und Wunder kann man nicht bestellen.

Aber hier bei Mose hat er es versprochen. Vor 3000 Jahren! „Vor den Augen deines ganzen Volkes will ich Wunder vollbringen…!“

Aber vielleicht bedeutet „Wunder“ mehr, als das, was wir uns für gewöhnlich darunter vorstellen. So etwa, wie Jesus bei der Heilung des Gelähmten sagte: „Nimm dein Bett und geh…“

Ein Wunder ist nicht nur, dass etwas gegen die Naturgesetze geschieht. Vielleicht ist ein Wunder zunächst etwas, das UNSERE Wirklichkeit aufreißt.

Etwas, das UNS erkennen lässt: Die Welt ist größer als das, was ich bisher für möglich hielt.

Mose hat es erlebt. Israel hat es erlebt. Todd und Sonja haben es erlebt. Stück für Stück hat es die Gemeinde erlebt. Und jeder ein bisschen anders.

Der eine erlebt das Wunder in der Heilung. Der andere in einem Satz eines Kindes. Ein anderer darin, dass ein Mensch plötzlich vergeben kann. Ein anderer darin, dass er nach Jahren wieder beten kann. Vielleicht liegt das Wunder manchmal nicht darin, dass Gott die Welt außer Kraft setzt. Vielleicht liegt das Wunder darin, dass Gott unsere Vorstellung von der Welt erweitert.

Und damit sind wir wieder bei Colton. Während Colton auf dem Fußboden sitzt und friedlich vor sich hin spielt und seine Wirklichkeit seine ganz eigene ist, weiß ich nicht, was wirklich Wirklichkeit ist. Auch ich sitze neben ihm auf dem Fußboden und schaue zu, wie er friedlich vor sich hin spielt. In sich versunken. 

Ich staune über den Zauber, den es in sich trägt. Beweisen kann es mir niemand und das braucht es auch nicht. Ich bin dankbar für diesen Raum der Möglichkeit…  Mein Glaube hängt nicht daran, ob jedes Detail dieser Geschichte stimmt. Aber es ist, als würde Jesus über Coltons Schulter hinweglächeln und ich lächle zurück. Stehe wieder vom Fußboden auf und erinnere mich:

Jakobus sagt: „Bete.“ Epheser sagt: „Lass dich verändern.“ Und Mose hört: „Rechne mit Gott.“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.