
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.
Hebr. 13, 1-3
1Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.
2Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern, liebe Brüder,
im Hebräerbrief wird es auf den Punkt gebracht: Zusammenhalt – Fremdenliebe – Mitgefühl - das macht unseren Glauben und die christliche Gemeinde aus.
Es ist ganz klar, der christliche Glaube ist keine Privatsache. Wir sind versammelt in Jesu Namen und deshalb mischt sich der Glaubende in die Angelegenheiten der Welt ein – mit einem klaren Auftrag. Die Christen schauen zu den Bedrängten und stören gelegentlich das gut geölte Getriebe der Herrschenden.
Der christliche Glaube ist nicht so richtig geschmeidig, sondern folgt seiner eigenen Logik der Menschenwürde und der Gottesbezogenheit.
Ermahnungen, liebe Geschwister, braucht es immer dann, wenn etwas nicht selbstverständlich ist. Immer, wenn Verabredungen in Vergessenheit geraten oder nicht zuverlässig eingehalten werden, muss erinnert werden. Ich erinnere mich als Kind an die Ermahnungen: alle Erwachsenen grüßen, samstags Schuhe putzen und am 1. Mai das Fahrrad, erst das Heu wenden und dann zum Baden fahren. Alles Ermahnungen, die Ordnung ermöglichten und Verantwortung klärten.
So wird es auch in den frühen Gemeinden gewesen sein.
In unserem Predigttext haben wir es mit drei von insgesamt zwölf Ermahnungen zu tun, die sich auf die Lebenspraxis der christlichen Gemeinde beziehen. Sie alle atmen den Glauben daran, dass wir unser Leben ganz konkret hier in unserer irdischen Welt führen und zugleich ein Ziel haben, das weit darüber hinausreicht. Einige Verse weiter steht der Satz: „14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Wir sind gerufen, ganz hier in dieser Welt zu sein und haben gleichzeitig eine Orientierung in eine Zukunft und eine andere Welt, die wir nicht bestimmen. Und noch weiter: wir sind ganz in dieser Welt zu Gast, unser Haus ist nur unser Haus auf Zeit – diese Welt ist Gottes Welt.
Mit dieser Orientierung: Verantwortung in der Welt und zugleich eine Hoffnung darüber hinaus unterscheidet sich die christliche Gemeinde ganz wesentlich von ihrer Umgebung damals und heute.
Lassen Sie uns auf die drei Ermahnungen schauen, die uns heute im Predigt-Text aufgegeben wurden.
Zusammenhalt
1Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.
Heute steht das Abendmahl als Thema in der Mitte – eine Gemeinschaft in die wir durch Jesus alle eingeladen worden sind - wir werden dadurch zu Geschwistern. Viele von uns wissen, wie hart Geschwister miteinander sein können. Am Ende halten sie meistens zusammen.
Geschwisterlich meint hier die Nähe zwischen denen, die sich bekannt sind. In einer Gemeinde, in einer Gemeinschaft. Manchmal sind auch Reisegruppen oder Tagungen eine Gemeinde auf Zeit – und die Aufforderung darin fest zu bleiben meint auch, dass es manchmal eine Willensanstrengung braucht, um beieinander zu bleiben – auch wenn etwas im Umgang miteinander störend empfunden wird.
Eine Gemeinschaft, auf deren Liebe ich mich verlassen kann, bei der ich weiß, dass die Geschwister es gut und ehrlich meinen, trägt durch schwierige Zeiten.
Wenn heute viel über Einsamkeit geklagt wird, bedeutet es, dass Menschen solche Gemeinschaften vermissen. Es heißt aber auch, dass sie sie vielleicht nicht kennen gelernt haben, sich nicht um Gemeinschaft gekümmert haben und dass sie sie nicht gepflegt oder ihr nicht vertraut haben.
Dieses Wort „bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe“ ist ein Satz des Zusammenhalts. Als Kirchengemeinde ist uns aufgegeben, dies miteinander zu tragen und Menschen in die Gemeinschaft einzuladen. Heute ist im Anschluss an den Gottesdienst ein Kirchenkaffee, dazu sind alle herzlich eingeladen.
Fremdenliebe
2Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Richtigerweise müsste man das Wort Gastfreundschaft – im griechischen Philoxenia - mit dem Wort Fremdenliebe oder Fremdenfreundlichkeit übersetzen. Sie ist das ganze Gegenteil von Xenophobie, der Angst vor dem Fremden.
Die Angst vor dem Fremden, der Vorbehalt ist eigentlich das Normale, sie schützt eine Gemeinschaft vor Überwältigung und Gewalt schützt. Es ist der erste Impuls, den Fremden fremd sein zu lassen und ihm fremd zu bleiben- aus Vorsicht.
Zugleich sind wir verbunden als menschliche Wesen. In der Frage nach dem Namen, nach dem woher und dem wohin ist in aller Regel die Fremdheit schon aufgelöst und eine erste Beziehung hergestellt.
Natürlich hat Gastfreundschaft zur Voraussetzung, dass der Fremde sich unter die Bedingungen der Gastfreundschaft fügt und selbstverständlich keine Gewalt ausübt. Und dass der Fremde in dem Moment sein Gastrecht verwirkt, in dem er es bricht.
Gastfreundschaft meint in aller Konsequenz die Zuwendung zu dem unbekannten Menschen, der an die Tür klopft, weil er wie ich ein Kind Gottes ist. Bei mir zu Hause und auch in unserer Gemeinde. Wir wissen nicht, wer dieser Fremde ist. Wir wissen nichts über sein Schicksal, seine Träume, seine Ziele. Wir wissen es nicht – bis wir ihn gefragt haben.
Sehr beredte Beispiele für diese praktizierte Fremdenliebe sind Quartiere und Herbergen an Pilgerwegen. Die Menschen, die dort auf dem Weg sind, kommen ganz zufällig an einen Ort und bitten um ein Quartier für eine Nacht. Manchmal bekommen sie nur ein Bett und Wasser und manchmal eine Einladung an den Familientisch. Und immer braucht es die Offenheit der Herbergseltern für diese wandernden Fremden. Es hat mich sehr beeindruckt, beim Aufbau der Pilgerwege hier in Mitteldeutschland, dass viele Menschen sich bereit erklären, ihre Tür zu öffnen und ein Zimmer bereitzustellen. Kürzlich erzählte mir ein Pilger, der auf der Via Regia unterwegs war, wie ihn das bewegt hat: seine Herbergsmutter trat ihm am Morgen entgegen – viel kleiner als er – musste sie ihre Arme weit nach oben strecken und segnete ihn für seinen Weg. Eine Begegnung zwischen Nicht -mehr- Fremden.
Die Fremden-Liebe im Sinne von Schutz, Respekt, Würde gegenüber dem Fremden, dem Menschenwürde genauso eingeschrieben ist, wie mir, ist unaufgebbar für unsere Kultur. Diese Gastfreundschaft für die Fremden gehört fundamental zum Judentum, zum Christentum und zum Islam und ist ein hochbrisantes politisches Thema. Und war es auch immer in der Vergangenheit:
1943 wurde das muslimische Albanien von der deutschen Wehrmacht besetzt. Für alle Juden wurde es dort fortan lebensgefährlich. Sie wurden jedoch von der muslimischen Bevölkerung aufgenommen, versteckt, ernährt und gerettet. Man nennt dieses Recht auf Gastfreundschaft in Albanien „Besa“ , das eine muslimische Frau so erklärt: „Unsere Eltern waren gläubige Muslime und glaubten, dass jedes Klopfen an der Tür ein Segen Gottes sei. Alle Menschen kommen von Gott. Besa existiert in jeder albanischen Seele.“ Und eine andere Frau erzählt: „Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus, in zweiter Linie das Haus unserer Gäste und erst an dritter Stelle das Haus unserer Familie. Der Koran lehrt uns, dass alle Menschen, - Juden, Christen und Muslime unter dem einen Gott stehen“. [1]
Der Schutz des Fremden eröffnet uns einen neuen Raum: Hat ihn Gott geschickt? Im Fremden begegnet manchmal eben auch ein Engel.
Offenheit für die Fremden bedeutet auch Offenheit für Gott, für die unverhoffte Begegnung mit seinen Boten. Sich den Fremden zu verschließen, bedeutete auch, sich der Anrede Gottes zu verschließen. Wir können das nicht wählen, Fremdenfreundlich zu sein- es ist unserem Glauben fest als Auftrag eingeschrieben und wir werden heute dazu ermahnt.
Als drittes Empathie – Mitgefühl
3Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.
Unsere Welt ist voller Gefängnisse, die Menschen ihre Freiheit nehmen. Ich halte es für richtig, dass Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben und eine Gefahr für andere darstellen, in einem Gefängnis ihre Strafe verbüßen.
Unsere Welt ist voller Gefängnisse, die Menschen ohne Recht ihre Freiheit nehmen. Erst kürzlich nach dem Sturz des Systems in Syrien ist das furchtbare Militärgefängnis Saidnaja geöffnet worden, in dem Tausende unschuldige Frauen und Männer eingesperrt, gefoltert und hingerichtet worden sind. Man mag sich nicht ausdenken, wie gerade jetzt im Iran mit Oppositionellen umgegangen wird. Davon wissen wir zurzeit sehr wenig und müssen von furchtbarer Gewalt ausgehen. In Russland, in Belarus, in Kuba, in China, in Hongkong, in Nordkorea und ich könnte immer weitere Länder aufzählen – werden Menschen wegen ihres Freiheitsstrebens eingesperrt, gefoltert und getötet.
Wenn wir Christen an die Gefangenen und an die Misshandelten denken, ist das eine Einmischung in die politischen Angelegenheiten eines Landes: wir sprechen das Unrecht öffentlich aus. Wir sind solidarisch mit denen, die zu Unrecht inhaftiert sind.
Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die zu Unrecht in der DDR inhaftiert waren und bis heute daran leiden. Durch moderne medizinische Forschung wissen wir heute, dass Gefangenschaft und Folter lebenslange Folgen verursacht und Erkrankungen hervorruft, die häufig zu einem frühen Tod führen. Gefangenschaft ist eine Form von Unrecht, das sich tief in die Seele und in den Körper einschreibt. Der Hebräerbrief formuliert: „denkt an die Gefangenen … weil auch ihr noch im Leibe lebt“. Wir teilen miteinander die Leiblichkeit und teilen das Schicksal der Verletzlichkeit. Wir sind bis an unser Lebensende nicht sicher und deshalb brauchen wir unsere gegenseitige Solidarität – als Fremde den Schutz und als Ferne das Mitgefühl mit den Gefangenen und Mißhandelten.
Wir werden heute ermahnt: Das Mitgefühl mit den Gefangenen und die Liebe zu den Fremden ist häufig, viel zu häufig versagt worden, aus Angst, aus Stumpfsinn oder Neid.
Und sehr oft hat die Gastfreundschaft mit den Fremden und das Mitgefühl mit den Gefangenen Menschen gerettet.
Der historische Hintergrund für das Folgende: am 1.9.1939 hatte Deutschland Polen aus dem Westen angegriffen, am 17. September 1939 überfiel Stalin Polen mit ebensolchem brutalen Vernichtungswillen.
1942 trieb ein Schiff im Arabischen Meer wie ein schwimmender Sarg. An Bord waren 740 polnische Kinder. Es waren Waisen, die die sowjetischen Arbeitslager überlebt hatten. Ihre Eltern waren dort großteils an Hunger, Krankheit und Erschöpfung gestorben. Die Kinder hatten es bis in den Iran geschafft – und nun wollte sie niemand aufnehmen.
Hafen um Hafen entlang der indischen Küste blieben die Tore zu. Das Britische Empire wies sie ab. Für die Kinder bedeutete das: weniger Essen, weniger Medikamente, weniger Kraft. Und irgendwann auch weniger Hoffnung.
Dann hörte der Maharadscha Jam Sahib von Nawanagar von diesem Schiff. Seine Berater berichteten ihm, dass 740 Kinder auf dem Meer festhingen, weil man sie nicht an Land ließ.
Er soll nur gesagt haben: Die Briten können meine Häfen kontrollieren. Aber nicht mein Gewissen. Dieses Schiff wird in Nawanagar anlegen.
Der Maharadscha hatte in der Schweiz studiert. Sein Nachbar war der Pianist Jan Padereski und frühere Premierminister Polens gewesen.
Man warnte ihn vor Ärger mit den Briten. Er blieb dabei. Und schickte den Satz, der 740 Leben drehte wie einen Schlüssel im Schloss: Ihr seid hier willkommen.
Als das Schiff im August 1942 schließlich ankam, stiegen die Kinder wie Schatten an Land. Und dort stand der Maharadscha am Kai und sprach Worte, die sie seit dem Tod ihrer Eltern nicht mehr gehört hatten:
Ihr seid keine Waisen mehr. Von heute an seid ihr meine Kinder. Ich bin euer Bapu, euer Vater.
Er schuf ein Zuhause. In Balachadi baute er eine kleine polnische Insel in Indien: mit polnischen Lehrern, vertrautem Essen, Liedern, Unterricht, Gärten – sogar mit Weihnachtsbäumen. Und er sagte ihnen sinngemäß: Leid will euch auslöschen. Eure Sprache, eure Kultur, eure Traditionen sind kostbar. Hier dürfen sie weiterleben.
Während die Welt im Krieg brannte, lebten diese Kinder wie eine Familie. Der Maharadscha besuchte sie, ließ Ärzte kommen, bezahlte Kleidung, Medikamente und alles, was nötig war – aus seinem Vermögen. Und er tröstete Eltern, die irgendwo da draußen noch lebten und glaubten, ihre Kinder nie wiederzusehen.
Aus diesen Kindern sind später Ärzte, Lehrer, Mütter, Väter, Großeltern geworden. In Polen tragen einige Plätze und Schulen den Namen Jam Sahib, des „guten Maharadschas“. [2]
Er hatte mit seinem Gewissen den Unterschied gemacht: Fremde und Gefangene unter seinen Schutz gestellt und mit ihnen das Brot gebrochen. Amen.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
[1] (Näheres bei: F. Steffensky, Kommt, kommt herein!, Publik-Forum Extra „Gastfreundschaft“ , Mai 2015, S. 9–11; https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/7-nach-trinitatis-hebraeer-13
[2] https://www.livenet.ch/magazin/people/portraits/314078-dokumentarfilm_ueber_indischen_schindler.html
